Alle Artikel mit dem Schlagwort: jahreszeiten

Spuren im Schnee.

Einen Fuß locker auf das Knie des anderen Beins gelegt, sitze ich schweigend in der Nacht. Unter meiner dicken Mütze spielen die Gedanken Melodien in meinem Kopf und wechseln sich damit ab, mit ihrem eigenen Soundtrack zwischen gestern, heute und morgen die kalte Nacht zu durchbrechen. Die Luft vor meinen Augen kristallisiert sich mit jedem Atemzug. Wie ein Kaleidoskop bricht sich das Licht des Mondes in meinem Atem und taucht den Boden vor mir in ein Lichtspektakel wie in 1001 Nacht. Um mich herum fällt kleiner, weicher Pulverschnee. Nicht viel. Gerade genug um im Licht des Mondes und der Straßenlaternen zu tanzen. Der Platz vor mir ist weiß. Keine Spuren im Schnee. Kein Mensch hat bisher die Schneefläche betreten. Es hat etwas erhabenes in diesem Moment hier anwesend zu sein. Zu sehen wie schnell etwas auf so natürlicher Art und Weise verschwinden kann, wie die Vergänglichkeit in einem Zeitraffer. Wo vor zehn Minuten noch ein Platz war ist jetzt eine kahle, kalte, Zentimeter hohe Decke aus feinsten Eiskristallen, in der der Schall sanft unterzugehen scheint …

Vom Warten und Dazwischen.

Mein Magen schmerzt. Zuviel Kaffee, zu wenig echte Aufregung. Da muss künstlicher Ersatz her. Das Herz bemüht sich um Schwung, nimmt Anlauf, bebt schneller. Aber mein Magen, der beschwert sich. Zuviel Koffein, er schmerzt vor sich hin und ringt mit dem bebenden pochenden Herzen um die Wette, buhlend um meine Aufmerksamkeit. Diese richtet sich auf die Tasse vor mir. Leer. Ich stehe auf, um mir einen neuen Kaffee zu machen. Aufputschen, ein bisschen legale Stimmungsheber konsumieren. Soviel, solange bis der Magen vom Herz geschlagen ist. Poch-poch-poch. Mein Blick fällt aus dem Fenster. Krokusse im Schnee, Farbtupfer auf Weiß. Der Schnee zieht sich bald schon zurück, macht Platz für Neues. Atmen, frische Luft, Gerüche – und, die Zugvögel, längst alle wieder da, bebend von der Kühle, trotzdem tirilierend. Sie sitzen auf noch kahlen Bäumen, schauen zu mir herunter. Ihre Melodien klingen wie Hoffnung. Und nach Sehnsucht. Sehnsucht. Sehnsucht nach dem Erwachen. Wie das Aufwachen nach dem nächtlichem Schlaf. Erwachen ist das schönere Bild.Aufwachen kann ich jeden Morgen. Zu erwachen hat etwas von Erwecken; den Hauch von …

Rhön: Winterland.

Alle Jahre wieder zieht es mich zurück in diese Gegend inmitten der Täler und Berge. Sie erinnern mich an Teile meiner Geschichte, meiner Erinnerungen, meinem Leben. Sie lassen mich spüren, dass ich Wurzeln habe. Wurzeln die mich halten, auch entfernt meiner Herkunft auf der Reise irgendwo zwischen all diesen Wegverzweigungen ferner dem Hier und Jetzt. „Winterland (Rhön, Thüringen)“ Fotografie © 12/2014 by Sascha Gawrilow / Herr Sushi™ Noch bin ich suchend, experimentell in den Dingen die ich tue, ausprobierend in meinen Zielsetzungen und doch von dem überzeugt was ich erreichen will, überzeugt von meinen bisherigen persönlichen Meisterwerken, überzeugt von der Liebe die mich streben lässt. Alle Jahre wieder reise ich zurück in eine Heimat, die es mir erlaubt ins Bewusstsein zurück zu holen und zu erkennen, welcher Weg hinter mir liegt, an welchen Orten mein Herz sein Rhythmus fand und das weitaus mehr als Stillstand und Kreise mein Leben beherschen. Nord – Süd. Ost – West. Strebend. Richtungssuchend. Zielorientiert. Ziele verlierend. Planlos. – Und doch immer wieder irgendwo ankommend. Versuchend mir selbst ein richtungsweisendes Vorbild …

Herbstwind.

Gebannt stehe ich hier, im Licht dieses Oktobermorgens. Weit zurück in der Ferne höre ich noch das Echo von Freuden menschlicher Liebe. Ich lächle, schließe meine Augen, fühle ganz nah eine geheimnisvolle warme Sehnsucht und versuche mich vom Abschied loszulösen. Ganz allmählich spüre ich, wie das Tempo des Sommers Tag für Tag geruhsamer wird und mich die Ruhe des Herbstes immer mehr mit seinen kalten Winden umhüllt. Winde die meine Anker lösen. Winde die mich weiter treiben lassen. Winde die Geschichten aus kommenden Zeiten, weit hinter dem Herbst, erzählen. Winde die mich frösteln lassen und gleichzeitig mein Herz erwärmen. Ich breite meine Arme aus und fliege frei von allen Erwartungen durch die tanzende Farbenpracht der herbstlichen Bäume.

Die Regentage mehren sich. Ab und an will sich ein Gefühl von Traurigkeit breit machen, doch es findet keinen Halt. Es fühlt sich an, wie ein Ende und doch formt es sich zu einem neuen Anfang. So träume ich, gerade im Herbst, in diesen langen dunklen Nächten, in denen der Regen endlose Geschichten an die Scheiben schreibt, von meinem Mohnblumenfeld, in dem sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu intensiven Augenblicken verbinden, welche immer wieder meine Geschichte umschreiben. Herr Sushi

Ich empfange ganz langsam die ersten Ambitionen zu herbstlich angehauchten Impressionen. Bin ich jedoch gezwungen meine Aufmerksamkeit auf die, in ganz glänzend weihnachtliches Lametta gestopften Osterhasen, zu richten, die nun als Weihnachtsmänner auf neuer Mission sind und mich hämisch grinsend aus den Massencontainern, inmitten der Stolperzone im Supermarkt empfangen und mich wohl oder übel daran erinnern, dass das Feste vor der Pforte steht. So verspüre ich schon im allerherrlichen Spätsommer eine eher aggressive Abneigung gegenüber den winterlichen Taumeleien der zwischenmenschlichen Liebe und Kuscheleien. – Nichts gegen Weihnachten, aber ich möchte dann doch erst einmal lieber das fallende Laub aufwirbeln und den Übergang in die kalten Jahreszeiten langsam genießen. – Danke, du verrotzte Konsumgesellschaft. Wie wär es mit einer Tüte voll mit mehr Zeit und mehr Platz für das kleinere Große im Leben?