Reblogs, Texte

Luhmann in love.

Hinter einer steilen Stirn sitzt Luhmanns Verstand und blickt aus ziemlich kleinen Gucklöchern durch große Gläser hindurch auf eine systemische Welt. Luhmanns Mund streicht ein Zeigefinger durch. Der gehört zu einer Hand, die noch neu und ungebraucht scheint, während sich drinnen im Kopf der Verstand an der verhornten Hirnrinde stößt.

Theorie teilt die Welt nicht ein, sondern mit
Zieh eine Linie! Beobachte! Triff
eine Unterscheidung, die einen Einschnitt macht
Wissen ist die Abgrenzung von Dingen
Draw a distinction and a universe comes into being

Jetzt streift er durch die Gedankenlamellen im Zettelkasten. Das fühlt sich angenehm an und klingt wie Flattern, weswegen Luhmann den Vogel nicht hört, der sich aus dem Bielefeldpanorama löst und gegen die Fensterscheibe flirrt. Und während dem Vogel im Kies gemächlich das Blut aus dem Gehörloch sickert, findet Luhmann oben in seinem Büro einen Gedanken wieder, den er vor zwanzig Jahren falsch eingeordnet haben muss. Laufzeit: unbestimmt. Kosten: exorbitant.

Luhmann denkt
Luhmann atmet
Und macht einen ungelenken Witz
Luhmann lebt
schlicht und pragmatisch
weil Luhmann eine Welt besitzt
Und Luhmanns Gesicht ist nur mehr Stirn
Und auf der geht jeden Tag das Licht auf
Und im Himmel über allem explodiert ein Goldfisch
Und löst sich in organgepinke Schwaden in der Luft auf

Nie war Euphorie langsamer, niemals stiller

Text :: Franziska Holzheimer
Kategorie: Reblogs, Texte

von

Sascha Gawrilow, geboren am 03. November 1979 im brandenburgischen Frankfurt an der Oder, heute in Leipzig lebend. Ist gelernter Maler sowie staatlich anerkannter Erzieher. Wortsuchend, laienphilosophisch, fotografisch, naturverbunden, kreativ und veloverliebt ist er als Freigeist in der Wortfinderei, Laienphilosophie, Suchtprävention und als Schreiberling tätig und ist ein überaus begeisterter Radfahrer.