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Lebe unabhängig – Bewusst ohne Drogen

Über die Wichtigkeit von suchtpräventiver Arbeit und die Förderung eines bewussten und verantwortungsvollen Umgangs mit Alltagsdrogen durch präventive Angebote im Rahmen des Projektes „Lebe unabhängig – Bewusst ohne Drogen“

Der Grundgedanke des Projektes

Hinsichtlich der zu absolvierenden Facharbeit zum Abschluss meiner Erzieherausbildung, habe ich mich im Sommer 2017 für das Thema der Suchtprävention entschieden, da sich die Aufgabe der Förderung eines verantwortungsvollen und -bewussten Umgangs mit Alltagsdrogen als kontinuierliche Herausforderung auch in der pädagogischen Arbeit darstellt. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene haben heutzutage oftmals schon frühzeitig erste Kontakte und Erfahrungen mit mit dem Konsum von Genuss- und Rauschmitteln, welcher stets pädagogisch durch entsprechende Aufklärungsarbeit zu begleiten gilt.

Um glücklich zu sein müssen Herausforderungen gelingen. Man kann sich sein „Lebenspaket“ nicht immer aussuchen, aber man kann sich bewusst für das Lebenskonzept „Glücklichsein“ entscheiden.

Mathias Wald, Sprecher für Suchtprävention, Fulda 2017

Die Grundlage

Betrachtet man sich explizit die Zahlen in Deutschland ist festzustellen, dass der Anstieg von Konsumenten illegaler Drogen, wie z.B. Crystal Meth und Cannabis, auch weiterhin ansteigt. Dem gegenüber steht fortwährend der hohe Stellenwert von Alkohol und Nikotin bei Heranwachsenden und Jugendlichen. 1 Diese Situation zeigt mehr als deutlich, dass Aufklärung und Präventionsarbeit weiterhin auf allen Ebenen von Nöten ist, da sich das Spektrum möglicher Suchtgefahren mehr als umfangreich darstellt. Daher ist es grundsätzlich umso besser, je früher mit Kindern darüber gesprochen wird. Denn es ist teilweise erschreckend, in welch jungen Jahren Kinder mit dem Thema Alkohol oder Drogen schon Erfahrungen vorweisen können. Vor allem, weil Alkohol, Rauchen und Cannabis weiterhin den Einstieg in die Sucht wahrscheinlich machen und zu Mischkonsum verleiten, nimmt die Aufklärungs- und Präventionsarbeit auch in Zukunft einen besonders hohen Stellenwert im Kontext der Gesundheitsförderung ein. 2 Unter Berücksichtigung der aktuell bestehenden Suchtproblematik in unserer Gesellschaft und insbesondere der steigenden Präsenz von Genuss- und Rauschmitteln in der Phase der Identitätsfindung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist die Gefahr einer Suchtgefährdung allgegenwärtig und gestaltet sich somit zur Grundlage suchtpräventiver Bemühungen. Hierbei muss auch in Betracht gezogen werden, dass Alltagsdrogen, wie Alkohol, Koffein oder Tabak zu unserer Gesellschaft dazu gehören. So ist es unumgänglich, dass sich die Sensibilisierung zum Genuss- und Rauschmittelkonsum nicht nur ausschließlich an Kinder und Jugendliche orientiert, sondern auch an die Erwachsenen richtet. Denn „gerade beim Thema Alkohol zeigt sich, dass Erwachsene leider nicht immer gute Vorbilder sind. Viel zu häufig werden die Risiken des Alkohols in der Gesellschaft verharmlost.“ 3

Zudem ist das Thema Drogen sowie Suchterkrankungen in unserer heutigen Kultur aktueller denn je, da es sich immer komplexer gestaltet für sich selbst klare Grenzen und konkrete Ziele zu setzen. Denn wir leben in einer Welt die nach Freiheit und zugleich Funktionalität strebt, wie auch unzählige Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung bereithält. Viele junge Menschen verlieren auf dem Weg in ihre Selbstständigkeit die Orientierung und den Bezug zu sich selbst. Die Gefahr einer Suchtentwicklung ist daher groß, da der Missbrauch von Genuss- und Rauschmitteln die „einfachste“ und zugleich gefährlichste Möglichkeit darstellt, sich von der Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Umwelt zu distanzieren. Um diesen Missbrauch und eine mögliche Suchtentwicklung vorzubeugen, ist es nicht nur wichtig jungen Menschen einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alltagsdrogen nahe zu bringen. Zudem gilt es in diesem Kontext die ganz individuell vorhandenen Ressourcen zu entdecken, diese zu fordern und zu fördern, um ihnen eine selbstbestimmte erfüllende und zufriedenstellende Lebensgestaltung und -führung zu ermöglichen. Daher liegt die pädagogische Anforderung, neben der Aufklärung und Sensibilisierung der Suchthematik auch darin, Kindern und Jugendlichen Handlungsmöglichkeiten der Lebensgestaltung aufzuzeigen, um ihre Selbstkompetenzen zu stärken und ein realistisches Selbstbild aufzubauen. Diese pädagogischen Handlungsweisen sind darauf zurück zu führen, dass sich das aktuelle Verständnis suchtpräventiver Bemühungen eben nicht nur auf Abschreckung und das Kategorisieren von Drogen in legale und illegale Substanzen sowie dem Aufzeigen von Wirkungsweisen und gesundheitlichen Folgen beschränkt, sondern zudem auch darauf hinaus zielt die persönlichen Kompetenzen des Einzelnen in den entsprechenden Zielgruppen zu fördern.

1 Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtkranke Gera
2 OTZ Gera „Bedarf der Suchtberatung in Gera offensichtlich“, Stand 02.02.2017
3 Moertler im Drogen- und Suchtbericht, Berlin, 2016

Legale und illegale Drogen

Alltagsdrogen / Genusmittel: legale Drogen

„Die Bezeichnung Alltagsdrogen weist vor allem darauf hin, dass der Konsum dieser Substanzen für viele Menschen mehr oder weniger zum Alltag gehört und dementsprechend auch verfügbar sind.“ 4 Diese Substanzen werden auch als legale Drogen bezeichnet. Sie sind für den Gebrauch und Verkauf gesellschaftlich akzeptiert und erlaubt. Der Konsum von Alltagsdrogen erfolgt aus den unterschiedlichsten Gründen und erfüllt individuell und sozial vielfältige Funktionen, wie z.B. zur Entspannung, Stressreduktion, Lösung sozialer Hemmungen oder dem Erfahren gemeinschaftlicher Erlebnisse etc. Zu den legalen Drogen gehören Genussmittel wie Alkohol, Nikotin, Koffein und Tee, aber auch Medikamente (Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmittel, Psychopharmaka) und Schnüffelstoffe (Lösungsmittel). Zudem kann der kontinuierliche Gebrauch über einen längeren Zeitraum ebenso zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen, wie auch zur Abhängigkeit bis hin zum Tod führen. 5 Anzunehmen, dass legale Drogen ungefährlich seien ist ebenso falsch, wie anzunehmen, dass illegale Drogen grundsätzlich gefährlicher sind. Denn die Stoffe legaler Alltagsdrogen und Genussmittel beeinflussen ebenso den menschlichen Körper, wie der von illegalen Drogen. Zu berücksichtigen sind hier die entsprechenden Substanzeigenschaften.

4 Döll/Buschmann-Steinhage/Worringen, Publikation Alltagsdrogen – Zwischen Sucht und Genuss. Aus dem Gesundheitsbildungsprogramm für die medizinische Rehabilitation. Deutsche Rentenversicherung, 2000, S. 494
5 vgl. Lexikon der Süchte Online

Rauschmittel / Drogen (illegale Drogen)

Zwischen Genussmitteln und Rauschmitteln besteht ein fließender Übergang, denn der Unterschied zwischen diesen besteht in der Funktion, mit der die Substanz eingesetzt wird und der Intensität deren Wirkung. Definiert nach der WHO, gilt als Droge jeder Wirkstoff, der in einem lebenden Organismus Funktionen zu verändern vermag. Als Rauschmittel werden also jene Stoffe verstanden, die Menschen zu sich nehmen, um einen veränderten Bewusstseinszustand hervorzurufen und dazu geeignet sind, sich in einen Rausch zu versetzen. Neben dieser halluzinogenen Wirkung erwarten die Konsumenten zudem eine positive Wirkung bei Einnahme der entsprechenden Substanz, wie z.B. Verbesserung der aktuellen Stimmung oder Euphorisierung. Illegale Drogen sind in Deutschland und fast weltweit z.B. Heroin, Kokain, Crystal Meth, Amphetamine oder auch Cannabis. 6 Die natürliche Wirkung der körpereigenen Botenstoffe wird in der Regel durch diese Substanzen verstärkt, mit dem folglich ein hohes Suchtpotential einhergeht.

6 vgl. Behrent/Backmund/Reimer, Prof. Dr. med.: Drogenabhängigkeit – Suchtmedizinische Reihe, Band 4. 2013, DHS (Hrsg.), S. 15

Vom Konsum zur Abhängigkeit

In der Zeit der Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen gehören das Erproben und das Überschreiten von Grenzen zur Phase des Erwachsenwerdens dazu. Gerade im Jugendalter lernen diese in Gruppen (peer groups) unter anderem auch die Funktion und Wirkung von legalen und illegalen Drogen kennen. Es gibt viele Faktoren warum Jugendliche und junge Erwachsene überhaupt zu Genussmitteln, insbesondere Tabak und Alkohol, greifen. Nach Bärsch 7 orientieren sich Jugendliche zum einen am Verhalten der Erwachsenen. Zum Beispiel gilt bei Alkohol die Verträglichkeit als Symbol von Männlichkeit und Stärke. Zum anderen ist der Konsum von legalen Genussmitteln als Konformitätshandlung zu verstehen, da dieser ein integraler und ritualisierter Bestandteil zahlreicher sozialer Situationen unserer Gesellschaft ist. Im weiteren Gebrauch werden Genuss- und Rauschmittel bewusster konsumiert, um einen bestimmten Bewusstseinszustand herbeizuführen oder Konflikt- und Stresssituationen zu überwinden. Letzteres entspricht Silbereisen/Kastner 8, die ein Modell entwickelten, welches die funktionale Bedeutung des Konsums Jugendlicher aufzeigt und somit auch auf den Konsum von legalen und illegalen Drogen übertragen werden kann. „Ein Teil von ihnen wird Wirkungen als besonders positiv erleben und möglicherweise zu einem dauerhaften Konsum übergehen, ohne dass sich hier eine Abhängigkeit entwickeln muss. Die meisten jungen Menschen, die auf diese Weise mit illegalen Drogen in Kontakt kommen, geben den Drogenkonsum in den folgenden Jahren aus den unterschiedlichsten Gründen wieder auf“ 9.

Da eine gesellschaftliche Akzeptanz von legalen Drogen, den sog. Alltagsdrogen wie Alkohol, Tabak und Medikamenten, vorliegt, kann für junge Menschen die Gefahr bestehen, dass der Konsum eben dieser zu sozialen Problemen führen kann, da sich die Grenzen zwischen Genuss bis hin zu einer Abhängigkeitserkrankung fließend gestalten. 10 Weiterführend kann durch Missbrauch von legalen Alltagsdrogen (Genussmitteln), also dem sich wiederholenden und wirkungsorientierten Konsum, auch der Einstieg in den Konsum illegaler Drogen (Rauschmitteln) begünstigt werden, welches das Suchtpotential enorm erhöht. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bei der Entstehung einer Sucht oder Abhängigkeit dieser nicht nur eine Ursache zu Grunde liegt, sondern das Ergebnis des Zusammenspiels vieler Faktoren ist. So spielen Persönlichkeitseigenschaften einer Person, z.B. seine Stärken und Schwächen aber auch der Umgang mit Gefühlen ebenso eine Rolle wie das Umfeld in dem eine Person lebt und welchen Einfluss dieses auf den betroffenen Menschen hat. Hierbei beschreibt das soziale Umfeld die gesamte Lebenssituation des Menschen und die Belastungen, die sich aus diesen Lebensumständen ergeben. Weiterhin spielt die Droge an sich, also die Substanz oder das Mittel, welche konsumiert wird, eine große Rolle inwiefern sich eine substanzbezogene Abhängigkeit entwickeln kann. Dazu gehören nicht nur Dosis und Wirkung, sondern auch die individuellen Erfahrungen des betroffenen Menschen mit der entsprechenden Droge sowie deren Verfügbarkeit. 11 Die Entwicklung einer Abhängigkeit geschieht schleichend und meist über einen längeren Prozess einer Gewöhnung an eine bestimmte Substanz oder einer Verhaltensweise.

7 vgl. Bärsch: Die Behandlung des Drogenproblems im Unterricht. Hamburg (1974), S.23
8 vgl. Silbereisen/Kastner: Jugend und Drogen. Entwicklung von Drogengebrauch – Drogenge-brauch als Entwicklung? – in: Oerter, R. (Hrsg.): Lebensbewältigung im Jugendalter. Wein-heim 1985, S. 192-219
9 Behrent/Backmund/Reimer, Prof. Dr. med.: Drogenabhängigkeit – Suchtmedizinische Reihe, Band 4. 2013, DHS (Hrsg.)
10 vgl. Tossmann/Weber: Alkoholprävention in Erziehung und Unterricht. 2011, Centaurus (Hrsg.), Herbolzheim
11 Wanke: Süchtiges Verhalten. In: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (Hrsg.) (1985), S.20

Abhängigkeit / Sucht

Sucht ist die umgangssprachliche Bezeichnung für die Abhängigkeit von einer Substanz oder einem Verhalten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte im Jahre 1952 Sucht als ei-nen „Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, hervorgerufen durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge“. Gekennzeichnet ist eine Abhängigkeit nach dem ICD-10 der WHO durch folgende Kriterien: Es besteht ein starker Wunsch oder eine Art Zwang zu konsumieren; die Kontrollfähigkeit in Bezug auf den Beginn, die Beendigung oder die Menge des Konsums vermindert sich zunehmend; bei Beendigung oder Reduktion des Konsums tritt beim Betroffenen ein körperliches Entzugssyndrom auf; es ist eine Tendenz zur Dosissteigerung erkennbar (Toleranzsteigerung); es kommt zu einer fortschreitenden Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten des Konsums sowie ein erhöhter Zeitaufwand, um zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen des Weiteren zeichnet sich eine Schädlichkeit für den einzelnen und/oder die Gesellschaft ab. 12 Neben einer psychischen tritt meist auch eine physische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge ein. Der Betroffene hat keine Selbstkontrolle mehr und steht unter dem Zwang, mit Hilfe von bestimmten Substanzen (z.B. Alkohol, Cannabis) oder bestimmten Verhaltensweisen (z.B. Glücksspiel, Essstörung), be-lastende Gefühle zu vermeiden. 13 Somit werden Abhängigkeiten in stoffgebundene Süchte und stoffungebundene Süchte unterschieden. Zusammenfassend beschrieb K. Wanke Sucht treffend als „ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung der Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen des Individuums.“14

12 vgl. Cousto: Neue Wege in der Drogenpolitik – Ein Kommentar zur „Stellungnahme der Drogen- und Suchtkommission zur Verbesserung der Suchtprävention“. Berlin 2002, Version 1.0, PDF-Datei (2002), S.4-5
13 vgl. Caritas.de: Glossar: Sucht
14 Wayne (1985), S.20

Stoffgebundene Süchte (substanzbezogene Abhängigkeit)

Stoffgebundene Sucht beschreibt eine Abhängigkeit von bestimmten Suchtmitteln (Substanzen). Legale Suchtmittel sind hier zum Beispiel zu nennen Tabak, Alkohol, Medikamente und Koffein. Zu den illegalen Suchtmitteln zählen Amphetamine, Halluzinogene, Opiate, Cannabinoide und Stimulanzien. Die in den Substanzen enthaltenen süchtig machenden Stoffe verursachen eine Ausschüttung von Glückshormonen, an die sich die Betroffenen im weiteren Konsumverlauf gewöhnen. 15 Die Entwicklungsstufen einer substanzbezogenen Sucht werden hierbei in Genuss, Missbrauch und Abhängigkeit unterteilt. Die Übergänge geschehen dabei fließend über einen längeren Zeitraum des Konsums einer entsprechenden Substanz oder eines Mittels. Dabei unterscheidet man zudem in seelische (psychische) sowie körperlicher (physische) Abhängigkeit. Seelische Abhängigkeit zeigt sich vor allem darin, wenn durch den Gebrauch einer Droge Zufriedenheit und ein starkes seelisches Bedürfnis nach wiederkehrendem oder andauerndem Genuss der Substanz entsteht. Wird dieses Bedürfnis nicht befriedigt kommt es meist zu Unlustgefühlen, Unruhe, Ängsten, Aggressionen oder depressiven Verstimmungen. Von körperlicher Abhängigkeit wird dann gesprochen, wenn sich nach dem Konsum einer Droge eine körperliche Toleranz gegenüber ihrer Wirkung zeigt und nach dem Absetzen der Substanz Entzugserscheinungen, wie Schweißausbrüche, Fieber, Muskelschmerzen, Krampfanfälle etc. auftreten.

15 vgl. KMDD.de

Stoffungebundene Süchte (verhaltensbezogene Abhängigkeit)

Bei stoffungebundenen Süchten handelt es sich um Verhaltensweisen, die zwanghaft ausgeführt werden. Dabei entstehen ähnliche Belohnungseffekte wie bei der Einnahme von stoffgebundenen Drogen. Die Betroffenen sind nicht süchtig nach einer bestimmten Substanz, sondern nach Verhaltensweisen, die von ihnen nicht mehr kontrolliert werden können. Auch bei substanzunabhängigen Suchtformen können Betroffene in einen regelrechten Rauschzustand geraten, der durch die Ausschüttung von Endorphinen hervorgerufen wird, die wiederum chemisch verwandt sind mit Morphinen. 16 Beispielsweise sind hier zu nennen Spielsucht, Kaufzwang, exzessiver Gebrauch von Medien (Medienabhängigkeit, Handysucht), Hypersexualität (Sexsucht) aber auch Essstörungen wie Esssucht, Magersucht oder Bulimie. Wie bei einer stoffgebundenen Sucht (z.B. Alkohol- oder Drogenabhängigkeit) entwickelt sich ebenfalls eine seelische und körperliche Abhängigkeit mit schwerwiegenden körperlichen und psychischen Folgen.

15 vgl. KMDD.de

Suchtprävention

Der Begriff Prävention leitet sich aus dem lateinischen praeventio ab und bedeutet „zuvor kommen“ und „verhüten“. Als Prävention wird somit die Vermeidung von unerwünschten Ereignissen oder negativen Entwicklungen bezeichnet. Bezieht man diese Definition auf die Suchtvorbeugung, ist daraus zu schlussfolgern, dass Suchtprävention eine gesamtgemeinschaftliche Aufgabe ist, da sich Sucht auch als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen abzeichnet. Durch die Verringerung von suchtfördernden Faktoren und gleichzeitiger Mobilisierung individueller und gesellschaftlicher Ressourcen im Sinne der Gesundheitsförderdung soll der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Missbrauchs- und Suchtverhalten entgegengewirkt werden. 17

17 vgl. Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS): Manual Suchtprävention Hessen 1/06.00

Grundsätze einer zeitgemäßen Suchtprävention

Damit suchtpräventive Maßnahmen langfristig wirksam sind sollten primär Lebenskompetenzen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gefördert werden anstatt auf Abschreckung und Verbote zu setzen. „So wirken etwa emotional vorgetragene, abschreckende Beschreibungen von Gesundheitsrisiken gerade im Jugendalter meist kontraproduktiv, weil im Vordergrund des alltäglichen Erlebens eher die Funktionalität des Alkoholkonsums im eigenen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung und der täglichen Lebensbewältigung steht“. 18 Damit einher sollte Suchtprävention schon frühzeitig und kontinuierlich in sämtlichen Entwicklungsphasen und Bildungsbereichen stattfinden, selbst wenn die Gefahren noch gar nicht groß existent sind. Dies bedeutet, dass mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht erst über mögliche Suchtgefahren gesprochen wird, wenn diese gefährdet sind, sondern sie freizügig in verschiedenen Lebenslagen anspricht und entsprechend ihre Selbst-, Sozial- und Sachkompetenzen fördert, um langfristig die Entwicklung einer entsprechenden psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) zu ermöglichen. Präventionsansätze sollten didaktisch-methodisch langfristig angelegt und zudem ganzheitlich an der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen ausgerichtet sowie ursachenorientiert sein, bei der entsprechend pädagogisch zielgruppen-, alters- und geschlechtsspezifisch vorgegangen wird. Diese Ansätze sollten sowohl kommunikative als auch strukturelle Maßnahmen umfassen sowie suchtmittelunspezifische und suchtmittelspezifische Bildungselemente enthalten. Somit ergeben sich daraus stoffunabhängige und stoffbezogene pädagogische Aufgaben, um die zu Erziehenden der entsprechenden Zielgruppen in den verschiedenen Entwicklungsphasen zu begleiten, zu unterstützen und zu fördern.

18 Hurrelmann/Bründel (1997): Drogen-Gebrauch / Drogen-Missbrauch. Primus Verlag. S.111 aus Konzept Cocktailbar Katerfrei. 2010

Unspezifische und spezifische Suchtprävention

Unter unspezifischer Suchtprävention werden die stoffunabhängigen pädagogischen Aufgaben verstanden, welche die Stärkung von Selbst-, Sozial- und Sachkompetenzen beinhalten. Dies bedeutet, dass es darum geht sich mit Entwicklungsaufgaben und Lebensthemen der Kinder, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen produktiv auseinanderzusetzen, um im Kontext des gemeinsamen Lernens (z.B. Kindergarten, Schule, Elternhaus) oder gemeinsamen Lebens (z.B. Internat, Kinderheim, Jugenddorf) sowohl das Handlungsrepertoir der entsprechenden Zielgruppe erweitert als auch ihr seelisches, soziales und körperliches Wohlempfinden fördert. Ferner geht es darum, sich erfahrungsnah und problemorientiert mit Konsumsituationen aller Art auseinanderzusetzen die für die Zielgruppe bedeutsam sind und dabei auch ihren Unterhaltungsbedürfnissen und Interessen gerecht zu werden. 19 Unspezifische Suchtprävention umfasst also alles, was die Lebenskompetenzen fördert. Zum Beispiel ein konstruktiver Umgang mit Konflikten, die Stärkung des Selbstbewusstseins sowie der Frustrationstoleranz und Präsenz, die Entwicklung der Erlebens- und Genussfähigkeit, wie auch die Förderung der Diskurs- und Kompromissfähigkeit. Darüber hinaus ist eine entsprechend gut gestaltete, entwicklungsfördernde Lern- und Lebensumgebung, in der sich die Kinder und Jugendlichen bewegen, unabdingbar.

Die spezifische Suchtprävention betrifft im weiteren Sinne die Information und Aufklärung über Drogen und ihre Wirkungsweise, über Formen und Ursachen der Drogenabhängigkeit sowie über alternative Handlungsstrategien. 20 Dies bedeutet, dass sowohl über die gesundheitlichen Folgen des Drogengebrauchs und -missbrauchs informiert wird, als auch gemeinsam altersangemessen und den Zielgruppen entsprechend für sie nachvollziehbare Gründe für den bestimmungsgemäßen, verantwortungsvollen und bewussten Gebrauch oder den Konsumverzicht er-arbeitet werden. Im Rahmen der Gesundheitserziehung sollten sich diese beiden Formen der Prävention zusammenfügen und sich gegenseitig ergänzen. Hierbei sind die Interessen der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu berücksichtigen, was im Sinne der Partizipation* bedeutet, dass diese an der Planung, Gestaltung und Auswertung weitgehend mitbeteiligt wer-den. Diese stellen schlussfolgernd eine allgemeine erzieherische Aufgabe dar, die gleichermaßen die pädagogische Arbeit in Vereinen, Kirchen und Freizeiteinrichtungen sowie an erster Stelle im Kindergarten, der Schule und im Elternhaus betrifft. Die hauptsächliche Wirkungskraft suchtpräventiver Bemühungen liegt in der unspezifischen Prävention.

19 vgl. Schill/Teutloff: Suchtprävention in der Grundschule – Materialien für 1. bis 4. Klasse – Fernsehen. BZgA (Hrsg.), Köln 2009, 2. Auflage
20 vgl. KMDD.de

Das Projekt „Lebe unabhängig – Bewusst ohne Drogen“

Die Teilnehmer

Die Teilnehmergruppe in der primären Durchführung meines Projekts „Lebe unabhängig – Bewusst ohne Drogen“ bestand aus 12 Rehabilitanden zwischen 20 und 28 Jahren und fand in einem Berufsbildungswerk statt. Die Mehrzahl der Teilnehmer wiesen psychische oder physische Erkrankungen/Störungen auf. Von diesen brachten einige schon eigene Erfahrungen hinsichtlich des Konsums von Rauschmitteln und deren möglichen Folgen mit und zeigten darüber hinaus entsprechende Lebensläufe. Andere hatten bisher noch keine Berührungen mit Drogen. Die jungen Erwachsenen befanden sich alle in einer Ausbildung im Berufsbildungswerk und lebten im Internatsbereich des Verselbstständigungswohnen in unterschiedlichen Wohngruppen. Vereinzelt wurden in der Vergangenheit bei einigen der teilnehmenden Rehabilitanden u.a. Auffälligkeiten aufgrund übermäßigen Konsums von Rauschmitteln, hauptsächlich Alkohol oder Cannabis, beobachtet und wurden daher auch von internen psychologischen Fachkräften durch regelmäßig stattfindende Gespräche begleitet und unterstützt.

Ziel des Projektes

Hauptziel des Projektes „Lebe unabhängig – Bewusst ohne Drogen“ war es, den jungen Erwachsenen durch gezielte Aufklärung im Rahmen der Gesundheitsförderung einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alltagsdrogen bzw. Genussmitteln nahe zu bringen. In diesem Kontext sollten diese für die Themen des Missbrauchs von Genuss- und Rauschmitteln sowie Suchtgefahren und Abhängigkeitserkrankungen sensibilisiert werden, um eine mögliche Entwicklung eines Suchtverhaltens und mit diesem eventuell einhergehenden gesundheitlichen und sozialen Risiken vorzubeugen und sich ihrer Selbstwirksamkeit bewusst zu werden. Diese Zielsetzung beinhaltete weiterführend die Stärkung allgemeiner Lebenskompetenzen sowie die Förderung der Meinungsbildung und Haltung zu einem verantwortungsbewussten Konsum von Alltagsdrogen, um einen etwaigen Einstieg in den Rauschmittelkonsum vorzubeugen. Hierzu sollten die Jugendlichen durch Interaktionen und Diskussionen in einen Austausch kommen und unter pädagogischer Anleitung gemeinsam alternative Handlungsstrategien entwickeln welche ein gesundes, verantwortungsvolles und selbstbestimmtes Leben ermöglichen.

Die praktische Umsetzung

Um die oben genannten Ziele zu erreichen plante ich im Rahmen der thematischen Abende das Projekt „Lebe unabhängig – Bewusst ohne Drogen“. Dieses beinhaltete sieben Herangehensweisen bzw. Methoden in denen umfassende Informationen mit unterschiedlich methodisch-didaktischen Ansätzen zum Thema Konsum und Gesundheitsrisiken sowie entsprechende Handlungsstrategien für ein „bewusst unabhängiges“ und gesundes Leben vermittelt wurden. Die Teilnahme an den einzelnen Angeboten war verbindlich, jedoch keiner der Teilnehmenden dazu verpflichtet innerhalb der Gruppe Persönliches von sich oder seine eigene Meinung preisgeben zu müssen. Um jedoch jedem die Chance geben zu können, sich entsprechend der Thematik zu äußern und das Geschehen an den thematischen Abenden im Gespräch zu reflektieren, gab ich den Teilnehmern die Möglichkeit persönliche Einzelgespräche zu nutzen, die es mir wiederum ermöglichten, spezifisch auf den Einzelnen einzugehen. Um eine individuellere Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themenschwerpunkten innerhalb der Projektgruppe zu gewährleisten teilte ich die 12 Rehabilitanden in 2 Einzelgruppen á 6 Teilnehmer. Somit setzte sich die erste Gruppe aus jungen Erwachsenen mit Rauschmittel- bzw. Suchterfahrungen zusammen und die zweite aus Nicht-Erfahre-nen. Um jedoch das Potential unterschiedlicher Meinungen und Standpunkte für rege Diskussionen nutzen zu können und den jungen Erwachsenen die Möglichkeit zu geben voneinander zu lernen führte ich in 3 der insgesamt 7 Angebote die 12 Teilnehmer zusammen.

Inhalt des Projektes war es bei den jungen Erwachsenen mittels suchtmittelspezifischer und suchtmittelunspezifischer Bildungselemente die Entwicklung einer Haltung zum Genuss- und Rauschmittelkonsum sowie entsprechende Handlungsweisen zu fördern. Diesem sollte hierbei eine selbstkritische Haltung dem eigenen Konsumverhalten sowie dem Bewusstwerden eigener individueller Konsummuster und die Wahrnehmung des eigenen Körperbewusstseins gegen-überstehen. Gesprächsrunden und Interaktion gaben den Rehabilitanden die Möglichkeiten durch Anleitung und Verwendung verschiedener Methoden in einen aktiven Austausch zu kommen, um ihr eigenes Konsumverhalten zu reflektieren und mögliche, daraus resultierende, körperliche und soziale Folgen zu thematisieren um schlussfolgernd für einen verantwortungsvollen und bewussten Umgang mit Alltagsdrogen sensibilisiert zu werden.

Als Einstieg in das Projekt diente ein erstes Zusammentreffen aller Teilnehmer zum Kennenlernen der Gruppe und zum Aufbau einer Vertrauensbasis innerhalb dieser Projektgruppe. Bei diesem vermittelte ich den teilnehmenden Rehabilitanden die grundlegende Idee des Projektvorhabens, die entsprechenden Inhalte, den Ablauf sowie angestrebten Ziele. Da des Weiteren ein Besuch des Theaters zu der Aufführung „Vom Gefühl her: Fuck u“ vorgesehen war, nutzte ich das erste Treffen auch dazu, die Rehabilitanden auf das Stück vorzubereiten, welches explizit und intensiv die Thematik des Drogenkonsums und dessen Auswirkungen auf Gesundheit und das soziale Umfeld von Betroffenen beleuchtete. Das Theaterstück diente jedoch nicht nur als Auftakt in das startende Projekt „Lebe unabhängig – Bewusst ohne Drogen“, sondern vor allem als Versinnbildlichung der Themenschwerpunkte des Projektes sowie als Grundlage für die folgenden thematischen Abende. Im weiteren Verlauf fanden die Teilnehmer über die Reflexion des Theaterstücks den ersten Austausch und es entstand dadurch eine intensive Diskussion über Suchtgefahren und eventuelle Folgen des Drogenkonsums und -missbrauchs. Hierbei fand ich zudem die Möglichkeit unter Anleitung der Gesprächs-runde das aktuelle Suchtverständnis und die aktuellen Standpunkte der Rehabilitanden zu er-kennen und daraus schlussfolgernd die weiteren Angebote dementsprechend auf dieses abzu-stimmen. Durch den Einsatz des „Suchtkoffers“ war es den Teilnehmern möglich zu entdecken, dass es neben den stoffgebundenen Süchten, wie z.B. Alkohol, Nikotin und Drogen, auch stoffungebundene Süchte (Verhaltenssüchte), wie z.B. Magersucht, Arbeitssucht oder Spielsucht, gibt. Zudem wurde durch den Suchtkoffer und den daraus resultierenden Dialog die Vorausset-zung geschaffen sich über die Vielfältigkeit der möglichen gesundheitlichen und sozialen Risiken und damit einhergehenden unangenehmen Situationen bewusst zu werden und auszutauschen, die durch einen missbräuchlichen Konsum oder Handhabe verschiedener Stoffe, Medien oder Verhaltensweisen hervorgerufen werden können und Alternativen erarbeitet.

Um intensiver auf die Entstehung einer Abhängigkeit und deren Gefahren einzugehen sowie den Teilnehmern zu ermöglichen, ihre zuvor gewonnenen Erkenntnisse mit ihrer eigenen Lebenswelt zu verknüpfen, bot die Methode des „Suchtverlaufes“ eine gute Grundlage. In Interaktion und Absprache zwischen den Teilnehmern der gesamten Gruppe sollte hierbei der Verlauf einer Suchtentwicklung von der positiven Einstellung bis hin zur Abhängigkeitserkrankung dargelegt werden. Neben der Vermittlung von Informationen über die Suchtentstehung stand zudem die Thematisierung des eigenen Konsumverhaltens der Rehabilitanden im Fokus, um über diese in eine Diskussion treten zu können und die Möglichkeit zu finden sich selbst sowie die anderen entsprechend zu reflektieren. Während der Erarbeitung des Suchtverlaufes griff ich zudem explizit auch die Begriffe Konsum, Genuss, Gewöhnung, Missbrauch und Sucht auf, welche die Rehabilitanden entsprechend für sich definieren sollten, indem sie Merkmale dieser nennen und wie diese sich bei einem Menschen in dessen Verhaltensweisen bzw. dem Konsummustern äußern können. Um den Teilnehmern den Verlauf verständlich und für jeden nachvollziehbar nahe zu bringen, bat ich die Gruppe passende Beispiele zu nennen oder alternativ die entsprechenden Fallbeispiele des Suchtverlaufes zu verwenden.

Im weiteren Fortlauf des Projektes erarbeiteten sich die Rehabilitanden unter meiner Anleitung und Verwendung des „Suchtdreiecks“, welche Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren für eine stabile und positive Persönlichkeitsentwicklung nötig sind. Diese wurden unterschieden in Person (z.B. Problemlösungsfähigkeit, Selbstbewusstsein), Umwelt (z.B. Familie, Schule) und Suchtmittel (z.B. Verfügbarkeit, Wirkung, gesellschaftliche Akzeptanz). Im weiteren Verlauf haben die Teilnehmer diesen Oberbegriffen entsprechende Unterbegriffe zu-geordnet und dabei ihre Wahl entsprechend begründet und dargelegt. Dabei galt es auch immer wieder auf bisher erarbeitete Erkenntnisse der vergangenen thematischen Abende sowie den eigenen Erfahrungen zurückzugreifen und diese mit in den kommunikativen Austausch einzubinden. Weiterhin wurde im Plenum ergründet, welche Ursachen bei der Entstehung einer Sucht eine intensive Rolle spielen, wenn einzelne soziale, gesellschaftliche oder persönliche Faktoren nicht ausreichend vorhanden oder nicht entsprechend positiv besetzt sind. Durch die Anwendung dieser Methode sollten die Rehabilitanden das Bewusstsein erlangen, dass eine gelingende und zufriedenstellende Lebensgestaltung von vielen Faktoren und Rahmenbedingungen abhängig ist und letztlich nicht nur allein der Konsum zu einer möglichen Abhängigkeitserkrankung führen kann. Um ein gesundes Selbstbild zu entwickeln, welches grundlegend für eine fortwährend optimale Persönlichkeitsentwicklung notwendig ist, gilt es natürlich auch, die eigenen Stärken, aber auch Schwächen zu kennen und zu akzeptieren. Genauso aber auch, sich bewusst zu werden, auf welche persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Elemente ich zurückgreifen kann, wenn mein Lebenskonzept einmal droht aus den Fugen zu geraten oder mir wichtige Dinge verloren gehen. Denn gerade wenn Lücken im Leben entstehen kann die Gefahr, ausgelöst durch Frust, Trauer oder Verzweiflung, bestehen, dass diese mit Drogen gefüllt werden. Um den Teilnehmern zu ermöglichen sich ihrer Selbstwirksamkeit und vorhandenen Lebenskompetenzen bewusst zu werden sowie entsprechende Handlungsstrategien zu entwickeln bot sich die „Mauer gegen Sucht“ als hilfreiche Methode an, um diesen Schwerpunkt auch visuell thematisieren zu können. Hierfür schrieben die Rehabilitanden zu Beginn in Einzelarbeit jeweils einen Begriff auf ihre Moderationskärtchen, welche Gefühle, Eigenschaften, Bedingungen oder Tätigkeiten beschreiben. Anschließend stellten die Teilnehmer ihre Begriffe im Plenum vor und legten ihre Karten nach-einander in einem Mauerverband auf den Fußboden. Dabei erläuterten sie welchen Stellenwert oder Bedeutung die entsprechenden von ihnen notierten Begriffe auf der Karte in ihrem Leben einnehmen. Um die Funktionen von Drogen zu visualisieren ließ ich einige Begriffe aus der entstandenen Mauer nehmen und legte Elemente aus dem schon bekannten Suchtkoffer in die entstandenen Lücken. Die Aufgabe der Teilnehmer war es nun sich Gedanken darüber zu machen und darüber zu diskutieren welche alternativen Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen könnten, um diese Lücken wieder zu füllen. Die Förderung des Emotionsbewusstseins liegt hier-bei ebenfalls im Fokus, da Gefühle einen zentralen Einfluss auf unser Verhalten und unsere Gedanken haben. Daher war es auch ein Ziel, dass sich die jungen Erwachsenen bewusst werden, dass negative Begebenheiten, wie z.B. Verlust und Trauer ebenfalls zum Leben gehören, wie z.B. Freude und Spaß.

Um das Gesundheitsbewusstsein sowie das Interesse der Teilnehmer an der Zubereitung alternativer Mixgetränke ohne Alkohol zu fördern sollte ein gemeinsamer Cocktailabend als Abschluss dienen. Damit die Rehabilitanden ihre persönlichen Cocktailwünsche mit einbringen konnten, traf ich mich zuvor mit den Teilnehmern der Projektgruppe zusammen, um mit ihnen entsprechende Rezepte auszusuchen und den Abend zu planen. Bei der Herstellung der Getränke wurde berücksichtigt, dass frische Säfte sowie frisches Ost und Gemüse verwendet wurde. Bei der Zubereitung stand das Erweitern praktischer Erfahrungen für eine gesunde und bewusste Ernährungsweise sowie die gemeinsame Interaktion im Mittelpunkt, um die sozialen Kompetenzen sowie das Gesundheitsbewusstsein der Rehabilitanden zu fördern. Im Anschluss an die Zubereitung wurde das Projekt noch einmal reflektiert. Hierbei sollten sich die Teilnehmer von ihren Erfahrungen während des Projektes berichten und dieses reflektieren. Dabei leitete ich die Gesprächsrunde an indem ich vorherige Erwartungen, neue Erkenntnisse sowie die aktuelle Stellung zu den Themenschwerpunkten der vergangenen thematischen Abende im Rahmen des Projektes „Lebe unabhängig – Bewusst ohne Drogen“ hinterfragte. Obwohl natürlich, wie auch in jedem anderen Angebot die aktive Mitarbeit erwünscht war, war dennoch keiner der Teilnehmer dazu verpflichtet sich zu äußern. Auch hier war ein wichtiger Aspekt die Fähigkeit der Selbstreflexion. Wie war die Meinung zu den Themen Konsum und Sucht bzw. Abhängigkeitsentwicklung vor dem Projekt, wie im Anschluss? Haben sich die Ansichten der Teilnehmer verändert? Durch welche Aktivitäten wurden die Rehabilitanden am intensivsten zum Nachdenken angeregt? Wie ist der aktuelle Standpunkt zum Thema verantwortungsvoller Umgang mit Alltagsdrogen? Um die formulierten Ziele des gesamten Projektes überprüfbar zu machen, habe ich im Vorfeld einen Evaluationsbogen erstellt. Dieser Bogen wurde anonym von den Teilnehmern ausgefüllt und dient neben der Überprüfbarkeit zudem meiner weiteren pädagogischen Arbeit, um im Anschluss die einzelnen Methoden und Bildungselemente des Projektes für zu-künftige Vorhaben im Bereich der Aufklärung und Suchtprävention entsprechend auszubauen oder zu verbessern.

Das Ergebnis

Während der pädagogischen Arbeit mit den Rehabilitanden merkte ich ziemlich schnell wie wichtig eine positive Vertrauensbasis zwischen mir als angehende Fachkraft und den jungen Erwachsenen ist. Denn das Thema Genuss- und Rauschmittelkonsum erfordert eine enorme Empathiefähigkeit gegenüber den Teilnehmern, um mit diesen in einen verständnisvollen kommunikativen Austausch zu kommen, in dem jeder das Gefühl hat sich auch wirklich ungezwungen und frei äußern zu können. Auch daher bot es sich an, teilweise mit kleineren Gruppen zu arbeiten, um eben individueller auf die Teilnehmer eingehen zu können. Gerade in den Einzelgesprächen merkte ich besonders intensiv, wie viel Vertrauen mir die Rehabilitanden entgegenbrachten und teilweise doch sehr persönliche Dinge aus ihrer Vergangenheit oder ihrem familiären Umfeld anvertrauten.

Im Rahmen der thematischen Abende „Lebe unabhängig – Bewusst ohne Drogen“ versuchte ich verschiedene Methoden in der Praxis umzusetzen. Dabei handelte es sich um spezifische und unspezifische Präventionselemente. Zum einen zielte ich in den Planungen und Durchführungen auf die Stärkung der Selbst-, Sozial- und Sachkompetenzen, zum anderen auf die Informationsvermittlung und Aufklärung über Genuss- und Rauschmittel sowie grundsätzliches Wissen über die Entstehung einer Abhängigkeitserkrankung. Dabei versuchte ich stets die entsprechenden Inhalte an die Lebenswelt der Jugendlichen anzulehnen, um eine Basis zu schaffen auf der sie sich selbst reflektieren und dadurch einen persönlichen Bezug zur allgemeinen Thematik des gesamten Projektes aufbauen konnten. Dazu dienten angeleitete Gesprächsrunden in denen die Teilnehmer im Plenum in Dialoge und Interaktionen treten konnten, um gemeinsam alternative Handlungsstrategien zu entwickeln und sich ihre eigene Meinung zu bilden. Dies ermöglichte ihnen einen Blick auf sich selbst, um zu erkennen an welchem Standpunkt sich jeder einzelne zum aktuellen Zeitpunkt befindet. So konnten sich die jungen Erwachsenen gemeinsam erarbeiten was dafür nötig ist um langfristig ein gesundheitsbewusstes und erfülltes Leben zu erfahren. Im Verlauf der Angebote verhielten sich die Rehabilitanden immer sehr offen. Dabei akzeptierten sie auch die persönlichen Meinungen der anderen Teilnehmer.

Alle 7 durchgeführten Veranstaltungen der Projektreihe bauten aufeinander auf. In allen Angeboten beteiligten sich die Rehabilitanden sehr aktiv und waren stets motiviert am Thema zu arbeiten. Insbesondere durch die Auswertung der Evaluationsbögen konnte ich erkennen, wie intensiv sich die Teilnehmer mit dem Thema auseinandersetzten. So ist diese Methode ein Beleg für die Messbarkeit der durchgeführten suchtpräventiven Angebote.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es eine drogenfreie Gesellschaft leider nicht geben wird, was schon aus unserer eigenen Kulturgeschichte zu entnehmen ist. Jedoch muss das Ziel jeder erzieherischen Einflussnahme gerade deswegen die Herbeiführung individueller Entscheidungen zum verantwortungsvollen Umgang mit Alltagsdrogen und Genussmitteln bleiben. So sollten sich die Teilnehmer ihrer ganz individuellen Stärken und Fähigkeiten bewusst werden, um zu erkennen, dass etwaiger Missbrauch von Substanzen eben kein Lösungsweg ist, um sich selbst akzeptieren zu lernen und dass jeder Mensch so wertvoll ist, wie er ist. Aus den Meinungen und Rückmeldungen der Rehabilitanden konnte ich erkennen, dass Denkanstöße geschehen sind und daraus neue Handlungsstrategien von ihnen entwickelt werden können. Wie jedoch die Nachhaltigkeit zu beurteilen ist, kann ich zum aktuellen Zeitpunkt leider nicht belegen. Denn wie schon zuvor in meiner Abhandlung dargelegt ist Suchtvorbeugung und Aufklärung ein fortwährend bestehender Prozess in allen Erziehungs-, Bildungs- und Lebensbereichen.

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