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Die Krankheit leistet dem Geist Hilfe, wenn er sich festgefahren hat und anders nicht mehr weiterkommt. Sie bricht alle Zellen des fest und glatt – allzuglatt, möchte ich sagen! – geschlossenen Leibes auf (weshalb man sich auch krank, in Stückchen zerfallen, ,zerbrochen’, ,cassé ‘ fühlt), und aus diesen aufgebrochenen Zellenvölkern kommen dem Geist die rauhen und heißen Kerne neuer Anschaulichkeiten, so daß er wieder Halt und Haft findet an Objekten, die, allzufertig, ihm das ohne die Krankheit nicht mehr gewährt hätten. Jede echte Krankheit ist eine echte Geisteskrankheit, die zugleich das Serum hervorbringt, sich zu heilen.

Heimito von Doderer, 1958, Repertorium (via davidramirer)
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Sascha Gawrilow, geboren am 03. November 1979 im brandenburgischen Frankfurt an der Oder, heute in Leipzig lebend. Ist gelernter Maler sowie staatlich anerkannter Erzieher. Wortsuchend, laienphilosophisch, fotografisch, naturverbunden, kreativ und veloverliebt ist er als Freigeist in der Wortfinderei, Laienphilosophie, Suchtprävention und als Schreiberling tätig und ist ein überaus begeisterter Radfahrer.