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Elektrisiert.

Der weiche von der Sommerhitze aufgeheizte Sand unter meinen Füßen rinnt sanft durch die Zwischenräume meiner Zehen, während ich meinen gesamten Körper im Rhytmus wiege. Mein Herzschlag gleicht dem Takt der Musik, deren Bass von drüben schwer durch die tanzende Menschenmenge zu mir herüber wabert. Die Sterne hängen voller Klarheit am tiefschwarzen Nachthimmel, spiegeln sich im Wellenbild des Sees und malen Sekunde um Sekunde neue Bilder mit dem zuckenden Licht der Strobo vom Rand des Mainfloors. Ich schließe meine Augen, fühle mich frei in diesem Augenblick. Falle hinein in diese elektrisierende Kraft. 

Die Musik schenkt dem Moment den treffenden Ausdruck für diese unaussprechbaren Dinge die in mir pulsieren. Sie umhüllt meinen gesamten Körper. Zwischen den Takt legt sich eine Melodik, begleitet von elektrisierenden Vocals und getrieben von einem sanften, rhythmischen Bass der sich durch alle Adern bis ins Herz drückt. Sie bahnt sich ihren Weg durch alle Sinne. Es scheint als könne die Musik vermeintlich Gedanken lesen, im Versuch diese zu entknoten, wenngleich sie weder Anfang noch Ende kennt. Alles findet im Klang einen Raum um sich zu entfalten, in ihr Befreiung zu finden. Ich will dieses Gefühl zelebrieren und strecke meine Arme in den Himmel, verliere scheinbar den Boden unter meinen Füßen, spüre wie der warme Sand mich mitten hinein in das Funkeln der Sterne trägt. Fragen über Wahrscheinlichkeiten und Ahnungen werden nichtig. Gestern und morgen ist nicht existent. Ich will augenblicklich in dieser Kunst der Töne aufgehen, will mich heiser schreien und zugleich in ihr schweigen, ganz sprachlos in ihr versinken, am liebsten in jedem neuen Augenblick in ihr verweilen, als gäbe es kein Ende dieser Nacht. Ich drehe mich, stampfe mit meinen Füßen Beat für Beat in den Sand, die Arme schweben seitlich an meinem Körper nach oben und wieder nach unten. Bewege mich ganz frei von Form und Regel. Als würde ich versuchen mit meinen Bewegungen die Musik in ein Bildnis zu stellen. Ton für Ton legt sich in meinem Kopf über die Gedanken. Lässt sie verstummen inmitten der Wucht aus den Boxen. – Bumm. Bumm. Bumm. – Wie ein Metrum pocht mein Herz, lässt meine Muskeln zucken und den Körper beben. Ein Moment verliert sich im nächsten und ich bin mir ungewiss wie viele Platten schon aufgelegt wurden, wie viele Tracks ihren Weg von meinem Ohr in meine Beine fanden, während die Monotonien und die Bässe meine Bauchdecke massieren und mich pausenlos erneute Translokationen vollbringen lassen. Bin hier. Bin dort. Bin da. Und doch ganz woanders.

Die Augenlider sind noch immer geschlossen als mir bewusst wird, dass ich mich nicht mehr getragen vom Sand inmitten der funkelnden Sterne befinde, sondern mittendrin, abseits des Sandstrandes am See an dem ich nur für mich tanzte. Ich finde mich mittendrin wieder in der schwitzenden tanzenden Menge. Es ist die Begegnung dieser Nacht. Die Musik wummert dumpf, die Stimmen rauschen am Kopf vorbei, der Rauch kitzelt in der Nase, während die Farbenspiele der großen scheinbar schwebenden Diskokugel über mir bunte Reflektionen auf meine Netzhaut zaubert. Es hängt der Duft nach Exzess in der Luft. Alles wird zu einer elektrisierenden und weiter treibenden Fusion. Laut, bunt und alle scheinen einem Ziel zu folgen: Die Erorberung dieser Sommernacht. Man möchte einfach dabei sein, ein Teil werden, ein Teil bleiben und jeden Track der in einen eindringt tiefer in
sich aufsaugen und ausleben. Ihn spüren. Möchte das momentane Glück festhalten, gemeinsam mit diesem tanzen, es teilen. Jetzt will ich klar sein. Hier sein. Eins mit dem Moment. Ein Teil der Musik. Ein Bild. Nur diese Minuten. Nur diese Stunden. Nur diese Nacht. Gemeinsam einsam mit allen zusammen die in diesen Momenten die selbe Luft atmen, die selbe Musik spüren. Jeder für sich. Alle zusammen. Jeder mit jedem. Was danach kommt oder gar der nächste Morgen bringt ist doch eigentlich egal.

“Ich möcht’ noch bleiben, die Nacht ist noch jung.”
(Enno Burger)

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