Alle Artikel in: Reblogs

Fernweh.

„Daheim ist es am schönsten.“, denken wir uns, wenn wir von Reisen wieder den Schlüssel in das Schloss stecken und uns der bekannte Geruch entgegen weht. Ich rieche nichts als ich die Wohnung betrete. Zumindest nichts Besonderes, sondern eher den Staub auf dem Regal. „In zwei Tagen ist er eh wieder da“, denke ich mir und lasse ihn liegen. Genauso wie die Post. Handyvertrag, Strom, Miete und Prospekte, die mich dazu nötigen, noch mehr zu kaufen, als ich eh schon habe. Und da liege ich auf der seit Wochen unbenutzten Decke und schalte zum dritten Mal durch das TV-Programm. Dem Rest der Wohnung habe ich immer noch keinen Blick gewürdigt. Die Bilder an der Wand sind eben immer noch dieselben, der Mülleimer immer noch überfüllt, Bücher auf meinem Nachttisch immer noch nicht gelesen, Pflanzen auf meinem Fensterbrett seit Wochen nicht gegossen. Hängender Kopf – auch bei der Orchidee. Ich lasse den Blick weiter schweifen, schüttel still mit dem Kopf, schalte den LCD-Fernseher wieder aus und stehe auf. Ich nehme die Reisetasche, kippe sie aus, lasse …

Luhmann in love.

Hinter einer steilen Stirn sitzt Luhmanns Verstand und blickt aus ziemlich kleinen Gucklöchern durch große Gläser hindurch auf eine systemische Welt. Luhmanns Mund streicht ein Zeigefinger durch. Der gehört zu einer Hand, die noch neu und ungebraucht scheint, während sich drinnen im Kopf der Verstand an der verhornten Hirnrinde stößt. Theorie teilt die Welt nicht ein, sondern mit Zieh eine Linie! Beobachte! Triff eine Unterscheidung, die einen Einschnitt macht Wissen ist die Abgrenzung von Dingen Draw a distinction and a universe comes into being Jetzt streift er durch die Gedankenlamellen im Zettelkasten. Das fühlt sich angenehm an und klingt wie Flattern, weswegen Luhmann den Vogel nicht hört, der sich aus dem Bielefeldpanorama löst und gegen die Fensterscheibe flirrt. Und während dem Vogel im Kies gemächlich das Blut aus dem Gehörloch sickert, findet Luhmann oben in seinem Büro einen Gedanken wieder, den er vor zwanzig Jahren falsch eingeordnet haben muss. Laufzeit: unbestimmt. Kosten: exorbitant. Luhmann denkt Luhmann atmet Und macht einen ungelenken Witz Luhmann lebt schlicht und pragmatisch weil Luhmann eine Welt besitzt Und Luhmanns Gesicht …

Vergebung.

Es wäre nicht so, als gäbe es überhaupt einen perfekten Menschen. Niemand ist perfekt. Und das ist auch gut so. Wir werden erst durch unsere kleinen Fehler zu etwas Besonderem. Einzigartig. Liebenswürdig. Wer behauptet, er hätte keine Fehler, der lügt. Oder er ist einfach nicht in der Lage, zu seinen Fehlern zu stehen, was auch schon wieder ein Fehler ist. Aber Fehler sind ja gar nicht schlimm. Fehler sind menschlich und es ist gut, menschlich zu sein. Es kann natürlich auch mal passieren, dass wir mit unseren Fehlern oder unserem fehlerhaftem Verhalten Menschen verletzten. Ihnen vor den Kopf stoßen. Sie ungerecht oder lieblos behandeln. Meistens tun wir das nicht mit Absicht. Niemand ist gerne ein schlechter Mensch. Wir tun es meist einfach nur, weil wir es nicht besser wissen oder nicht besser können. Wir sind in solchen Fällen nicht darauf angewiesen, dass der Andere uns das verzeiht. Natürlich ist das immer schön eine zweite oder dritte oder vierte Chance zu bekommen und wir hoffen auch meistens darauf. Wenn wir diese Chance aber nicht bekommen, haben …