Fotografie, Texte
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Little (big) things.

Kein Pinsel sieht aus, wie ein anderer. Ich finde sie, meist dann wenn ich nicht nach ihnen suche, ich finde sie dort, an den Orten wo mehrere Schatten ineinander fallen und manchmal finde ich sie im gleissenden Licht eines winzigen, kleinen, zarten Glücksgefühls welches so hell klingt, so leise lacht. Ich sammel meine Farben in Bäumen, im Himmel, in der Sonne, im Regen und im Nebel in dem sich die Gedanken lösen. Ich finde sie im Herbstlaub und manchmal im Lächeln einer fremden Frau. Manchmal hängen die Farben, ganz dickflüssig, schon fast gefroren wie an einem frostigen Wintermorgen an einem kahlen Ast und dann wieder, sind sie so flüssig wie Regentropfen im Sommer, die warm über das Kinn zu Boden fallen. Es sind helle und dunkle Farben, Farben mit leichten und traurigen Geschichten. Jede einzelne Farbe trägt ihren eigenen Klang und ihre eigene Melodie, schenkt jeder Kombination eine neue Stimmung und ein anderes Gefühl für mich selbst. Und dann versuche ich diese Kontraste und Farben festzuhalten. Versuche ihnen einen Ausdruck zu geben, in Fotografien, Worten, Texten. Letztlich um zu erkennen, dass es keine Selbstverständlichkeiten sind, die mich umgeben. Begebe mich durch all die großen kleinen Dinge, die meine Inspiration immer weiter wachsen und mich mein Leben lieben lassen.
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Das Schreiben + Philosophieren
Gedanken ringen nach Worten, um ihren Ausdruck zu finden, um zu bewegen. Es benötigt kein System oder eine Struktur. Es zählt nur die Findung vom Gedanken zum Wort, welches unendliche Perspektiven bereit hält, um mich aus diesen selbst und meine Umwelt immer wieder neu zu entdecken. Wenn Träume wahr werdend sind, die dich durch den Horizont erweiternd, weg von dir, hin zu Worten treiben, in denen man nicht gefangen ist und bleibt, weil sie weiter reichen als das Auge sieht. Wenn der Platz wahr werdend wird, an den das Herz flieht, wenn er sich in dessen Be-schreibung unbegreiflicherweise offenbart: Dann wird Hoffnung, Wort für Wort, durch hoffnungsvolle Worte echt werdend zu echter Hoffnung. Wenn Worte auf ihrem Weg zum Ziel durch uns lebendig werden – dann wirken wir durch sie be-lebend, weil wir uns in ihnen unsere Hoffnung be-schreibend offenbaren.

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Das Fotografieren
Manche Bilder verwischen allmählich in meinem Kopf. Die Farben verlaufen zu unidentifizierbaren Strukturen. Es schaut spannend aus, jedoch ergeben sie keinen klaren Sinn mehr. Ich mochte diese Bilder, als ich sie berühren und spüren konnte, wie das Relief getrockneter Acrylfarbe welche sich pigmentstark über ein weißes Blatt Papier legt. Ich mochte sie auch, als ich sie in Erinnerung behielt und sie für mich greifbar waren. Doch es ist anstrengend sie aufrecht zu erhalten, im Geiste, diese Farben, den Geruch, das Gespür, das Alte. Die neuen Bilder suchen ihren Weg, wollen an mich heran treten, doch das loslassen von den alten ist so schmerzhaft schwer und somit spüle ich die letzten Tropfen alte Farbe aus meinem Inneren im Tränenfluß hinaus, um Platz zu schaffen für klare farbenfrohe Strukturen auf der Leinwand des Lebens im dumpfen Schein der Erinnerungen.

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Das Radeln (an Sonntagen)
Gerade an Sonntagen begreife ich, dass ich mit meinem Fahrrad nicht weit genug fahren kann um den Menschen auszuweichen. Gerade an Sonntagen begreife ich, dass ich, wenn ich vor mir selbst weglaufen will, die Nähe der Menschen suchen und nicht umgehen muss. Begreife, dass ich meine Ziele weniger mit überschäumenden Enthusiasmus, als viel mehr mit Geduld, Vertrauen und vor allem einem klaren Kopf erreichen kann. Ja, an Sonntagen, an denen ich auf meinem Radel sitz, besiegel ich diese Feststellungen Woche für Woche. Ich mache sie fest zwischen Sehnsucht und Hoffnung. Ohne (diese Sonntage) wäre ich wohl an jedem Montag wiederholt der gleiche wie Freitags.

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Das Grünen
Ich habe nicht diesen besonderen „grünen Daumen“, wenn es um die Feinfühligkeit mit Pflanzen geht. Doch jene, die überleben und sich reichlich vermehren, geben meinen heimelichen Räumlichkeiten ein Ambiente, einen Wohlfühlfaktor und diese Kontraste, wenn am Morgen der Sonnenschein durch meine Fenster auf die Blätter trifft. Dieser Faible für Pflanzen in meiner Gegenwart ist bestimmend geworden für mein Wohlbefinden. Sie lassen mich zur Ruhe kommen, schenken mir Inspirationen und manchmal sogar „Gespräche“ mit ihnen, die es mir erlauben, ganz unbewusst, manches Chaos aus dem Kopf zu bekommen. Wenn sie weiter und satter gedeihen macht es mich stolz. Es macht mich stolz, kleine Dinge um mich herum wachsen zu sehen, die ich selbst hege und pflege. – Genauso wie mein eigenes Leben.

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Die Musik
Musik, die es schafft, diese vermeintlich unaussprechbaren Dinge in Form von Noten und treffenden Lyrics widerzuspiegeln. Musik, die sich auf mein Ohr legt, um mich zu schützen. Musik, die sich mit feinster Melodik, elektrisierenden Vocals und getrieben vom sanften, rhythmischen Bass durch meine Adern bis ins Herz drückt. Musik, die sich ihren Weg durch alle Sinne bahnt. Musik, die vermeintlich Gedanken lesen kann, diese entknotet, wenngleich sie weder Anfang noch Ende kennt. Musik, die in mir das natürliche Bedürfnis erweckt, meine Arme gen Himmel zu strecken, mich heiser zu schreien und zugleich in ihr schweigend – sprachlos – zu versinken. Musik, die mich trägt und mich zugleich fallen lässt. Musik, die schmerzt, ohne zu verletzen. Musik, die tröstet, ohne zu heilen. Musik, die mich in diesen Momenten so paralysiert, dass ich den Himmel auf Erden spüre!

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Jeder neue Tag
Meine Freude braucht das Vor-Freuen. Auf Tage, Termine, Rituale. Besondere Dinge. Ich freue mich mehr, wenn ich mich vorbereiten kann. Mein Tun zelebrieren, als Teil des Rituals selbst. Wenn ich mich auf den Weg mache, um die Welt immer wieder neu für mich zu entdecken, Worte mit Menschen austausche oder sogar einfach nur meinen Pflichten nachkommen muss – immer freue ich mich auf den Teil davor, das Vorbereiten, diese ´Was-wäre-wenn-Fragen´ inmitten mancher Unsicherheit, welches immer wieder dieses Kribbeln im Bauch verursacht, ganz nebenbei der Wirkungen des lieblich schwarzen Kaffees.

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Die Liebe
Ich schreibe über Liebe, ich rede über Liebe, ich gebe Liebe, ich empfange Liebe, ich sehne mich nach Liebe und ich habe Liebe. Bin empfänglich für das “Wir”. Denn “Wir” können Liebe sein, wenn wir sie in ihrer ganzen Vielfalt und Größe zulassen. Und ich stehe hier, strecke mich zu den Wolken empor, hoffend dass sie mich bewegen und mitnehmen zu diesem “Dir”, “Wir”, “Uns”. Berühre mit meiner Philosophie der Liebe das rosarote Himmelszelt, während die Erkenntnisse an meinen Wangen abperlen. Aber gerade weil ich es fühlen kann, weil ich hoffe und weil ich sie spüre, diese Liebe, es mit offenem Herzen erwarte, dieses “Wir”, schreibe ich weiter über Liebe, rede ich weiter über Liebe, gebe ich weiter Liebe, empfange ich weiter Liebe, werde mich weiter nach ihr sehnen. Diese Tag um Tag in mir tragen, um immer wieder zu erkennen, dass “Wir” Liebe sein können.

 

Dann beginne ich zu malen mit all diesen Dingen. Zusammen mit diesen Augenblicken, Momentaufnahmen, Düften die mich umgeben. Ich male mir mit meinen Möglichkeiten eigene Landschaften aus Eigenschaften, Wünschen, Bildern und Erinnerungen die ganz und gar mich definieren. Ich werde älter und meine Lebensbilder verändern sich. Hier und da übermale und verändere ich dieses oder jenes, lerne neue Kontraste zu sehen. Lerne unbekannte Schattierungen kennen und interpretiere immer neues in diese hinein. Ich spiele mit dem Licht und der Dunkelheit des Alltags, um jeden Moment, der es mir erlaubt wahrgenommen zu werden und in diesem für ein paar Augenblicke zu verweilen, für mein Leben zu gestalten und diese Gegensätze sinngebend versuche in Bilder und Worte zu malen. Manchmal verliere ich mich in diesen. Reisse sie nieder und beginne von Neuem. Immer und immer wieder. Aber kein anderer Lebensmaler und keine andere Lebensmalerin kann mein Bild malen. Sie können nicht mit ihren Pinseln und ihren Farben mein Bild, mein Ich aufzeichnen. Das einzige was sie tun können, ist meine Hand halten, wenn sie zittert. Meine Pinsel aufheben, wenn ich sie aus Wut zu Boden geschmissen habe. Sie können meinen Farben neue Gefässe schenken. Sie haben manchmal auch Klebeband für mich, mit denen ich eines meiner zerissenen Bilder wieder zusammenkleben kann, weil ich es halt doch noch bin, weil ich es doch noch behalten will. Und manchmal, ganz, ganz, ganz selten da kommt ein Mensch, der mischt mit mir eine ganz neue Farbe.

 

Fotos: Little things © 04/2015 Sascha Gawrilow

 

Kategorie: Fotografie, Texte

von

Sascha Gawrilow, geboren am 03. November 1979 im brandenburgischen Frankfurt an der Oder, heute in Leipzig lebend. Ist gelernter Maler sowie staatlich anerkannter Erzieher. Wortsuchend, laienphilosophisch, fotografisch, naturverbunden, kreativ und veloverliebt ist er als Freigeist in der Wortfinderei, Laienphilosophie, Suchtprävention und als Schreiberling tätig und ist ein überaus begeisterter Radfahrer.

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