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440 Kilometer Heimat per Pedale.

Meine erste mehrtägige Radwanderung absolvierte und erlebte ich vom 01. Juli bis zum 08.Juli 2016. Auf der 7-Tage-Tour ließ ich mich auf den insgesamt zurückgelegten knapp 440 km bei Wind und Wetter von der Vielfältigkeit unseres schönen Thüringer Landes verzaubern. Mit Rad, Zelt und meinen Gedanken im Gepäck, vor mir liegend der Weg, hinter mir, Kilometer für Kilometer, mehr und mehr wunderschöne Eindrücke die in mir auf dieser Reise zurück blieben. Es sind diese Momente während der Tour, wie auch ganz besonders das zur Ruhe kommen am Ende einer jeden Tagesetappe, welche erkennen lassen, dass sich jegliche Anstrengung und Herausforderung lohnt auf sich zu nehmen. Festzustellen, dass es doch das schönste ist, gerade jetzt hier zu sein und Heimat im Herzen zu spüren. Glücklich zu sein, diese Erfahrungen zu (er-)leben. Hier nun ein kleiner Reisebericht.


Die Vorbereitung

Diese Tour war so ziemlich spontan angelegt. Längerfristig geplant war für die Ferien in diesem Sommer eigentlich die große Radreise zur Ostsee. Aufgrund organisatorischer Fehlplanungen musste ich diese jedoch auf den nächsten Sommer im kommenden Jahr verschieben, was aber die Herausforderung dieser Thüringen-Tour keineswegs beeinflußt hat. Ein Ziel oder ein Zeitlimit hatte meine Unternehmung nicht. Sozusagen war wieder einmal der Weg das Ziel. Vor Reisebeginn plante ich lediglich, neben der groben Route durch das schöne Bundesland und den Etappen, mögliche Campmöglichkeiten und das grobe Budget, welches ich für Unterkunft und Verpflegung für die kommenden Tage benötigte. Alles weitere sollte dann doch eher dem Zufall überlassen sein – denn planen an sich liegt mir sowieso weniger. Und zudem kann man sich natürlich auch viel vom eigentlichen Reiz einer Radreise „verplanen“.
Daher war dann weniger doch wieder mehr. Am Abend vor Beginn meiner Fahrt ins Blaue bepackte ich hoch motiviert „Mounty“. Dazu muß ich sagen, dass ich sofort merkte, dass dies die erste mehrtägige Reise per Rad für mich war und das ursprünglich geplante Equipment dann doch etwas zu großzügig vorbereitet war. So blieb dann doch einiges zu Hause, um nicht ganz zu viel Ballast bewegen zu müssen, ganz zu schweigen davon, dass ein Fahrrad nun mal eben keinen Kofferraum besitzt. Das wichtigste war dann doch eben das Zelt, eine Isomatte, Schlafsack, eine Powerbank (da man ja doch nicht ganz auf die moderne Kommunikationstechnik verzichten will), die Kamera, löslicher Kaffee, ein kleiner Gaskocher, ein Set Wechselklamotten, Radkarte, Navigationsgerät und für alle Fälle ein Notfall-Set zur eventuellen Umsetzung praktischer Fertigkeiten (in der Erzieher-Ausbildung angeeignet) in Sachen Erste Hilfe.

Grobe Tourplanung und „Bikepacking“

„Ich kann es kaum erwarten, denn sobald die Sonne aufgeht weht wieder ein anderer Wind auf Thüringens Radwegen. Säckle und Päckle sind gepackt und ich bin bereit endlich wieder zu touren bis die Waden brennen. Hier und da wird das Zelt aufgeschlagen, um diese wunderbaren Augenblicke in purer, reiner Freiheit in den unendlichen Weiten unseres schönen Thüringer Landes mit all seiner Vielfältigkeit anzuhimmeln. Für ein paar Tage einfach mal wieder keinen Gedanken an Verpflichtungen verschwenden und einfach nur unterwegs sein und durchatmen. Ouh yeah, das Warm up beginnt!“
(Eintrag auf Facebook am 30. Juni 2016, 22:52 Uhr)


1. Tagesetappe, 01. Juli 2016:
Gera nach Hohenfelden (ca. 90 km)

Gegen 06:30 Uhr starte ich meine Heimatreise per Pedale. Tagesziel für mich und „Mounty“ ist der Campingplatz Hohenfelden für die erste Übernachtung dieser Reise im Zelt. So radele ich ganz gemütlich die ersten Kilometer entlang der Thüringer Städtekette Richtung Jena. Die noch frische Luft am Morgen riecht nach Freiheit, irgendwie wie Losgelöstheit.  Erste Entspannung ist in meinem Kopf wahrzunehmen. Für die nächsten Tage sollen einzig und allein die Augenblicke inmitten dieser wunderschönen Natur zählen, während ich geschmeidig auf den Radwegen entlang cruisen werde. Die ersten Steigungen in der Umgebung Jenas lassen mich dann aber doch etwas mehr in Aktion treten und hier und da des öfteren verschnaufen. Zwischendurch gönne ich mir ein leckeres Eis und einen großen Pott frischen Kaffee beim Italiener. Das ist doch ein angebrachter Luxus bei so mancher Strapaze. Weiß ich bis dato ja noch gar nicht was mich noch erwarten würde auf den kommenden Etappen Richtung des Thüringer Waldes.
Nachdem ich Jena hinter mir gelassen habe ziele ich direkt Weimar an. Ist es mir doch ein wichtiges Anliegen meinen verehrten Herrn Goethe noch einen Besuch in seinem Gartenhaus abzustatten. – Ein bisschen touristisches Flair kann selbst ich mir als alter Freigeist nicht ganz verwehren.

Weimar - An Goethes Gartenhäuschen (Large)

An Goethes Gartenhäuschen in Weimar

Die weitere Route führt mich dann in unsere wunderschöne Landeshauptstadt Erfurt, in der ich die Städtekette Richtung Kranichfeld – Hohenfelden verlasse, nachdem ich mir es auch hier nicht nehmen lasse noch ein wenig Wegzehrung zu mir zu nehmen – natürlich mit viel Eis und doppelt Sahne – ich bin ja nicht zum Fitness unterwegs! Gegen 15.30 Uhr komme ich dann auch an meinem Tagesziel, am Stausee Hohenfelden, an. Ich werde freundlich von einer jungen Dame an der Rezeption empfangen und komme aufgrund meines gut bepackten Fahrapparates, welches ihrer besonderen Beobachtungsgabe nicht ganz entgangen zu sein schien, in ein  lebhaftes Gespräch. Nachdem wir unser nettes Geplänkel beenden, weißt sie mich darauf hin, ich könne mir doch einen netten Platz auf der „Jugendwiese“ suchen, da sich dort doch immer freundliche und junge Leute ihr kurzweiliges Domizil aufbauen. Die Platzwahl sei mir jedoch frei gestellt. So entscheide ich mich erst einmal den Campingplatz zu begutachten und war sehr überrascht wie wenig doch eigentlich los ist. Wie ich von einem Angestellten unterwegs erfahre, ist die aktuelle Session noch gar nicht gestartet. Letztlich stoppe ich auf einer großen Wiese mit ordentlich Freiraum, auf der der nächste Nachbar 20 Meter entfernt ist. Ein harmonisches Plätzchen, welches ich für die nächsten Stunden zu meinem Königreich erkläre.

Impressionen am Ufer des Stausees Hohenfelden

Am Stausee Hohenfelden
Nachdem ich mein Zelt aufgebaut habe gehe ich sofort hinunter zum Strand, um mir den Sonnenuntergang anzuschauen und ein wenig in meinem Kopf über das „Sein“ zu debattieren. Eine wunderschöne Abendstimmung bietet sich meinem Blick und irgendwie werde ich augenblicklich auch ein bisschen sentimental. – Aber nicht traurig. – Nur eben ein bisschen mehr gefühlsbetont im Herzbereich. Bevor ich mich jedoch total in dieser ganzen Romantik am See auflöse besuche ich das Campingplatzrestaurant, um mir ein Abendessen mit Migrationshintergrund zu gönnen. Es ist ziemlich lecker und ich bin mehr als ziemlich satt im Abgang dieses Abendmahles. So ist der erste Tourentag ein toller Ritt über die ersten Kilometer des schönen Thüringer Landes gewesen, welche ich im Stillen noch einmal für mich rückblickend resümiere. In der kommenden Nacht höre ich dann auch, warum es besser war mein Zelt eben nicht auf der „Jugendwiese“ aufgeschlagen zu haben… und so falle ich im Rhythmus der wummernden Bässe, dem Schreien der angrenzenden Camper und der alkoholertränkten Lebensfreude jener freundlichen Jugend in einen wohligen Schlaf.


2. Tagesetappe, 02. Juli 2016:
Hohenfelden nach Oberhof / Lütsche Talsperre (Frankenhain) (ca. 45 km)

Um 07.00 Uhr erwache ich sanft mit dem melodischem Zwitschern einer Vogelschar zwischen dem monotonen Rauschen der Bäume (und der Drang nach meiner morgendlichen Zigarette) aus dem doch überraschend erholsamen und ruhigen Schlaf. Ich stecke meinen Kopf aus dem Zelt, blicke in die ersten Sonnenstrahlen am blauen Himmel, atme tief die frische Luft und im gleichem Zuge zünde ich mir eine Zigarette an. (Hust!) Weicher Nebel liegt über der taufeuchten Zeltwiese. Die Jugendbrigade ist verstummt. Einzig das Rauschen eines Flugzeugs auf dem Weg zum Erfurter Flughafen rauscht über meinen Kopf hinweg. Vereinzelte ältere Herrschaften sind schon mit ihren Kulturbeuteln auf den Weg zu den Sanitäranlagen, um sich den Schlaf aus dem Gesicht zu waschen. Nachdem ich mir eine Tasse Kaffee mit meinem Kocher aufgebrüht habe tue ich es ihnen gleich und eile motiviert zur Morgendusche. Schon jetzt merke ich, wie meine Muskeln an den Waden und in den Beinen zucken, um endlich wieder in die Pedale treten zu können. Zirka anderthalb Stunden später, gegen 08.30 Uhr, habe ich wieder alles zusammen gepackt und auf „Mounty“ verstaut. Wieder bereit weiter durch die Landen zu gleiten. Doch die Sache mit dem „dahingleiten“ sollte sich an diesem Tage zum „aufsteigen“ wandeln.
Dornheim

Blick von Dornheim Richtung Arnstadt zum Thüringer Wald am Horizont

„Guten Morgen, du schönes Land. Da hinten am Horizont erhebt sich schon die Silhouette der alten neuen Heimat empor. Das Herz schlägt höher, ein Gefühl von Vertrautheit breitet sich in mir aus. Ich meine fast den Ruf meines geliebten Thüringer Waldes zu hören. Wieviel Liebe doch solch ein Morgen bieten kann, wieviel Aufstieg mich noch erwarten wird. Es bleibt dabei: Der Weg ist doch noch das schönste Ziel.“
(Eintrag auf Facebook am 02. Juni 2016, 08:47 Uhr)

Im Laufe des Vormittags macht sich der Himmel immer mehr zu. Dicke graue Wolken schieben sich nach und nach über das Firmament. Dadurch sind die Temperaturen am heutigen Tag erträglicher als noch gestern. Noch ist es trocken, doch ich ahne schon, dass dies nicht mehr allzu lang anhalten wird und Regen zu erwarten war. Nach wenigen Minuten zu Beginn der heutigen Fahrt offenbart sich mir ein wunderbares Panorama. Ganz weit entfernt kann ich schon den Thüringer Wald erblicken. Ich spüre im selben Augenblick wie mein Herz leise Heimatmelodien zu pfeifen beginnt. Ein Gefühl von Wärme breitet sich in mir aus. – Und vor allem Freude. Lebensfreude. Genau in diesem Moment … Ich halte eine Weile inne. Atme langsam und bewusst. Genieße diesen Moment, bevor ich wieder in die Pedale trete. Ich durchradel wunderschöne Landschaften, gesäumt von Feldern und Wiesen. Von Arnstadt aus fahre ich durch das Jonastal bis nach Crawinkel und dann weiter nach Frankenhain. Die imposante Vielfalt der Natur und Landschaften lassen mich hier und da immer wieder anhalten. Die Berge des Thüringer Waldes säumen immer mehr meinen Weg. Die Anstiege werden steiler und schwerer zu bewältigen. Bevor ich in die „Tiefen des Thüringer Waldes“ vordringe besorge ich noch einige Getränke und Naschereien für den Energiehaushalt in Frankenhain. Denn jetzt heißt es hin und wieder absteigen und schieben. Immer schön nach oben. Und wie sage ich mir immer? – Wo es nach oben geht, geht es mit Sicherheit auch wieder nach unten. – Aber leider nicht mehr heute! – Auf den verbleibenden ca. 6 Kilometern von Frankenhain bis zur Lütschetalsperre war Wandern angesagt, inklusive Marschgepäck und Bike nach oben buxieren. Nichts desto trotz, mindert dieser Anblick inmitten des Waldes manches Muskelbrennen.

Aufstieg von Frankenhain zur Lütschetalsperre

Kilometer machen war am heutigen Tag wohl weniger im Mittelpunkt, als vielmehr irgendwann das Ziel zu erreichen, welches sich irgendwie immer mehr zu entfernen schien. Natürlich beginnt es nun auch zu regnen. Und weit und breit keine Unterstellmöglichkeit zu entdecken, außer eben mancher Nadelbaum, der aber auch nicht wirklich einen trockenen Schutz bietet. Nach jeder Wegkrümmung hoffe ich das Ziel zu erreichen … und doch nur wieder ein weiteres Stück Weg, bis dann endlich doch irgendwann oben die Lütsche auftaucht und der Regen beginnt sich ins Finale zu prasseln. Die Klamotten sind mittlerweile durch, also habe ich keine Eile, den Campingplatz zu erreichen. Lieber noch ein schönes Foto machen.

Lütsche im Regen

Ankunft im Regen auf der Staumauer der Lütschetalsperre

Gegen 16.00 Uhr habe ich nun auch den Campingplatz erreicht. Der Regen scheint länger auf diesem Breitengrad verweilen zu wollen und prescht nun noch einmal richtig los. Gerade rechtzeitig trete ich durch die Tür der Rezeption, bevor ich noch ganz von diesem monsunartigen Regen weg geschwemmt werde. Trotz der miesen Wetterlage will ich dennoch mein Zelt hier aufschlagen … muß man ja alles mal mitgemacht haben. Also buche ich mir einen Zeltplatz für die heutige Nacht, in der Hoffnung das sich am morgigen Tag das Wetter wieder bessert. Knapp eine halbe Stunde später lässt der Regenguss nach und ich steuere meinen Zeltplatz an. Auch hier finde ich eine ganz ruhige Atmosphäre vor mit ordentlich Wahlmöglichkeiten für mein Quartier. Rasch baue ich mein Zelt auf, baue die Taschen von meinem Rad und lagere sie ins trockene. Langsam malen auch wieder die ersten Sonnenstrahlen wunderschöne Gemälde aus Licht und Schatten inmitten des Grünlandes. Es riecht sauber und frisch. Der Geruch erinnert mich an früher, lässt mich kurz in Vergangenheiten meines Lebens reisen. Immerhin bin ich hier mittendrin in meiner Herzensheimat. So lange Zeit habe ich in dieser Gegend gelebt und doch fühlt sich alles so verdammt unerforscht und neu an. Es ist faszinierend! – Die Uhr zeigt 18.00 Uhr, der Himmel reißt wieder auf und Wärme durchströmt den Wald. Ich mache mich noch einmal mit meinem Rad und der Kamera bewaffnet auf den Weg durch diese angenehm feucht warme Luft an die Talsperre, bevor die Wolken wieder beginnen neue Formationen zu bilden und der Regen seine Fortsetzung findet. Die ganze Nacht klopft der Regen an das Zelt und scheint weiche Melodien zu summen, lässt mich dabei sanft in den erholenden Schlaf fallen.


3. Tagesetappe, 03. Juli 2016:
Oberhof / Lütsche Talsperre (Frankenhain) nach Wasungen (über Bad Salzungen) (ca. 95 km)

Der dritte Tag beginnt wieder trügerisch schön. Zarte Nebelfelder ziehen durch das Holz. Hin und wieder blinzeln die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken. Die Luft ist klar und feucht, genauso wie die Wände meines Zeltes. Alles fühlt sich ein wenig klamm an und mir ist ein wenig kalt. Der Motivation tut dies jedoch keinen Abbruch. Ich bin bestrebt mein heutiges Ziel zu erreichen. Mir ist bewusst, dass die heutige Etappe, aufgrund meiner eher mächlichen Konstitution, eine ziemliche Meisterleistung werden würde. Immerhin lag der restliche Aufstieg nach Oberhof und noch ein ganzes Stück Rennsteig vor mir, bevor ich in Wasungen ankommen werde. Zwischen 70 und 80 Kilometer Tagesstrecke habe ich mir am Vorabend mit meiner Karte zusammen gerechnet. – Definitiv herausfordernd. – Aber dies ist ja auch Inhalt einer solchen Tour: Grenzen erfahren und (ein wenig) darüber hinaus. – Also packe ich wieder mein Gepäck zusammen, rolle mein Zelt ein und verstaue alles auf mein treues „Mounty“. Es ist keine Zeit zu verlieren. Zumal der Wetterbericht schon wieder Regen für diese Region vorhersagt hat. Gegen 08.00 Uhr sitze ich auch schon wieder im Sattel und gleite den langen, aber doch sehr gut fahrbaren Aufstieg Richtung Oberhof.

Rennsteig-4 (Large)

Auf dem Rennsteigradweg Richtung Oberhof

Rennsteiggarten Am Pfanntalskopf

Der Rennsteiggarten in Oberhof

Der Himmel ist noch tiefblau, doch die Wolken werden langsam dicker. Trotz des mächlichen Anstiegs komme ich nur langsam voran und ganz gut ins schwitzen.  Nach gut einer Stunde habe ich die knapp 10 Kilometer bis Oberhof geschafft. Oben angekommen gönne ich mir noch ein ordentliches Frühstück mit frischen Brötchen und einer ordentlichen Menge Kaffee, bevor die Tagestour richtig los startet. Als kleinen kulturellen Höhepunkt besuche ich noch den Rennsteiggarten am Pfanntalskopf.

Panorama vom Thüringer Wald

Nachdem ich mich nun ein wenig der Entspannung in diesem natürlich schönen Ambiente inmitten der Gebirgsflora hingegeben habe, verfüge ich nun über genügend Energie, um die kommende Strecke zu bewältigen. Die nun folgenden 50 Kilometer führen mich geschmeidig durch eine idyllische Waldlandschaft, hin und wieder harmonische Verweilstätten und unbeschreiblicher Naturschönheiten. Ich bin umgeben von solch viel Natürlichkeit, dass ich schnell merke, wie wichtig eine Schutzhütte sein kann. Denn nach den ersten Kilometern entlang des Rennsteigs beginnt sich wieder einmal der Himmel zu öffnen und es beginnt unermüdlich zu regnen und teilweise zu hageln. Doch ich habe Glück und stoße zeitnah auf einen Unterstand, an dem ich knapp eine Stunde verweilen musste, weil sich die Wetterlage keineswegs verbesserte. Hin und wieder kamen andere Wanderer hinzu und man kam in einen Smalltalk.
Fortan begleiten mich stetig kleinere Regenschauer, zwischendurch öffnen sich für kurze Zeit die Wolken und lassen die Sonnenstrahlen durch, um meine feuchte Kleidung ein wenig zu trocknen. Aber irgendwie stört mich dieses miesepetrige Wetter überhaupt nicht und unbehelligt radel ich Kilometer für Kilometer langsam wieder hinab in die niedrigeren Gefilde am Fuße des Thüringer Waldes.

Irgendwann biege ich jedoch nicht ganz routengetreu an einer Abzweigung falsch ab und finde mich in tiefstem, fast schon unberührten, Forst wieder. Der Weg wird langsam zu einem Trampelpfad und der Trampelpfad zu einem einzigen Morast. Ich und „Mounty“ versinken immer tiefer im Schlamm und ich verliere dabei auch noch fast einen Schuh, der in diesem zu verweilen versuchte. – Jetzt war es komplett: Von oben nass und unten schlammig. What a wonderfull life! – Im wahrsten Sinne des Wortes.

Forst Riding (Large)

Eine Schlammkur für „Mounty“ und meine Füße

Nachdem mein GPS der Navigation ausgefallen ist und ich ziemlich orientierungslos den Wald durchquere, komme ich dann doch wieder nach einer gefühlten Ewigkeit zurück auf einen von der Zivilisation angelegten Weg und dann auf eine Straße. Irgendwie war ich dann doch schon ein wenig erleichtert. Dachte ich kurzweilig mein Nachtdomizil im Walddickicht aufbauen zu müssen. Denn auch der Abend entfaltete langsam seine dunklere Herrlichkeit. Gegen 20.00 Uhr lasse ich das Ortsschild von Wasungen hinter mir und statte meiner Mamutschka einen Besuch ab. Natürlich in der Hoffnung, mir würde für diese Nacht ein warmes Bett und die Möglichkeit zum Trocknen meines Hab und Gutes geboten. Und natürlich treffe ich auf eine sozial sehr engagierte Mutter, die mich mit Freude in Empfang nahm. Noch im gleichen Moment der Begrüßung entschließen wir uns, dass ich den kommenden Tag im Ruhemodus bei meiner Mutter verbringen werde.
So wart der nächste Tag zu einem „Wellnesstag“ erkoren. Entspannung für die Knochen, Abtropfen und Waschen der Klamotten, Austrocknen des Zeltes und das Putzen meines treuen Gefährten. – Auszeit.

„Während „Mounty“ beim Fahrradservice seine exklusiven Pflegeeinheiten genießt, nachdem wir beide gestern im Dauerregen und durch tiefsten Forst unseren Weg meistern mussten, gibt es für mich Wellness für Körper, Geist und Seele. Ein bisschen Luxus kann sich wohl auch mal der losgelösteste Freigeist jenseits der Piste gönnen. Auch wenn dies gar nicht in der Reiseplanung vorgesehen war. – Hach, wie ich diese Tiefenentspannung nachspüren kann…“
(Eintrag auf Facebook am 04. Juni 2016, 20:05 Uhr)

4. Tagesetappe, 05. Juli 2016:
Wasungen über Meiningen zum Bergsee Ratscher (ca. 50 km)

Der fünfte Tag und somit der vierte Etappentag beginnt nach dieser Auszeit recht entspannt mit einem ordentlichen Frühstück – Kaffee, Käsebrötchen mit Honig und Unmengen Obst. Für heute ist die Strecke übersichtlicher angelegt und es sind nur ungefähr 50 Kilometer bis zum nächsten Ziel zu absolvieren. Am Bergsee Ratscher bei Schleusingen möchte ich das Zelt als nächstes aufschlagen. Die Tour ist hier so gut wie zur Hälfte geschafft. Allerdings warten auf den nächsten Abschnitten wieder einige bergige Herausforderungen. Die Sachen sind schon wieder verstaut und „Mounty“ blitzt und blinkt nach seiner gestrigen Polierung und Generalüberholung.  Wir sind bereit für die nächste Strecke.

Blick zum Schloss Landsberg bei Meiningen

Blick zum Schloss Landsberg bei Meiningen

Kloster Veßra

Kloster Veßra

Zu Beginn geht es geschmeidig, fast eben, von Wasungen durch das schöne Werratal bis Meiningen. Eine wirkliche Wohltat nach den Anstrengungen von vorgestern. Das Wetter ist schön und die Temperaturen angenehm. Wir reisen an weiten Feldern vorbei, durch idyllische Städtchen und Dörfer. Immer weiter geht es an der Werra entlang, bis das Flüßchen Schleuse bei Kloster Veßra von dieser abzweigt. Ich lasse es mir natürlich nicht nehmen auch hier einmal abzusteigen, durchzuatmen und mir ein wenig diese Architektur zu Gemüte zu führen. Ein schönes Fleckchen Erde.

Nach kurzer Verschnaufpause geht es von Kloster Veßra ca. 10 Kilometer weiter Richtung Schleusingen. Dort angekommen mache ich einen kleinen Abstecher in die Stadt, um mir mal wieder etwas herzhaftes zwischendurch zu gönnen, bevor ich kurze Zeit später weiter zum nahe gelegenen Bergsee radel und mein Tagesziel erreicht habe. Die heutige Tour von Wasungen bis zum Bergsee Ratscher habe ich ganz relaxed hinter mich gebracht und es blieb mir in aller Entspannung genügend Zeit, auch die hiesigen Naturschönheiten in vollen Zügen wahrzunehmen. Das Herz geht auf und ich schwelge dahin.

Da ich heute ziemlich schnell unterwegs war bleibt mir noch genügend Zeit ein erfrischendes Bad im See zu nehmen und den Tag gemütlich am Ufer ausklingen zu lassen. In diesem Moment ist für mich wieder einmal eines klar: Hier zu liegen, genau jetzt, innerhalb dieser kleinen Reise durch das Thüringer Land, ist das „richtigste“ was ich in diesem Sommer unternehmen konnte. Und vielleicht hatte auch der Ausfall, bzw. Verlegung meiner Ostsee-Tour auf das nächste Jahr eine tiefere Bewandtnis, um gerade jetzt diese Erfahrung zu machen. Diese Erlebnisse zu haben, in einer Heimat, die immer ein zu Hause sein wird. An diesen Orten zu sein, an denen mein Herzschlag einen ganz neuen Takt findet.

Nebel am Morgen über dem Bergsee Ratscher

Nebel am Morgen über dem Bergsee Ratscher


5. Tagesetappe, 06. Juli 2016:
Bergsee Ratscher zum Hohenwarte-Stausee (ca. 85 km)

Nun, was ich mir gestern auf der Route an Energie aufgespart habe, sollte wohl heute wieder investiert werden. Vor mir lagen ungefähr 75 km Strecke, an deren Anfang mich wieder ordentlich Aufstiege erwarteten. Daher starte ich wieder in aller Frühe. Gegen 5.00 Uhr habe ich alle Sachen zusammen gepackt, meinen obligatorischen selbst gekochten löslichen Kaffee indus und trete wieder feste in die Pedale  Richtung Berge. Und ja, gar nicht weit vom Start entfernt, habe ich schon ordentlich mit der Puste zu tun. Vorbei an prächtigen Landschaften in den Schleusegrund-Wiesen Richtung Neustadt am Rennsteig werde ich ordentlich von den geografischen Gegebenheiten heraus gefordert. Auf und ab, schieben hoch, rollen runter, immer so weiter. Königsee, Bad Blankenburg, Saalfeld lasse ich peu á peu beschwerlich hinter mir. Im Vergleich hierzu, war die Tour über den Rennsteig doch ein richtiger Kindergartenspaziergang. – Schlimmer geht eben immer. – Aber man wächst ja nun auch nur an solchen Herausforderungen. Nach der Überwindung der Bergkette komme ich mit Schmerzen an Füßen, Beinen, Händen und einer deutlichen Schwächeerscheinung am Tagesziel dieser Etappe an.  Zwar statt der ursprünglich angesetzten 6 Stunden, benötigte ich zwar knapp 10 Stunden, doch letztendlich bin ich ja hier.

Hohenwarte Stausee

Vor mir offenbart sich mir der Hohenwarte-Stausee als befände ich mich mitten in einem Traum. Denn heute dachte ich zwischenzeitlich wirklich ich würde mein Ziel nicht an diesem Tag erreichen. Aber hey, um mich aufzuhalten braucht es schon ein bisschen mehr, als ein Bläschen am Fuß oder ein Krampf im Bein. – Ich klopfe mir auf die Schulter, denn das war definitiv mein Meisterstück auf dieser Tour und eine entsprechende optische Entlohnung erhielt ich inklusive.

Nachdem ich wieder mein Zelt aufgeschlagen habe, mache ich mich trotz der aktuellen Blessuren und kleineren Wehwehchen noch einmal auf den Weg, um die ganze prächtige Schönheit dieser Gegend einzufangen und in mir aufzusaugen. Natürlich kann ich nicht den ganzen Hohenwarte-Stausee umrunden, denn dieser beträgt allein schon an die 80 km. So sehe ich an diesem Abend nur ein ganz kleines Stück von dieser schönen Seelandschaft. Allerdings für mich definitiv eine Überlegung wert, diese Tour einfach noch einmal extra anzugehen. – Zum letzten Mal war ich definitiv nicht hier.

Um ehrlich zu sein, dachte ich auf meiner Rückkehr zum Zeltplatz darüber nach, die Radtour hier abzubrechen und einfach in den Zug zu steigen und nach Hause zu fahren. Doch irgendwie schien es mir, als müsse ich diese Aktion vollenden. Trotz der Schmerzen bin ich mir sicher, dass ich die letzten 100 km schaffen werde. Nach dem bisherigen Erfolg und Erfahrungen die ich erleben durfte, will ich meiner Reise nicht solch ein abruptes Ende setzen. Ich lege einiges an Vertrauen in den Generierungsprozess meines Körpers und Geistes. Positive Selbstbestätigung ist da ein ganz gutes Mittelchen. So dauert es auch in dieser Nacht nicht lange bis ich in einen tiefen Schlaf falle. 

Blick auf den Hohenwarte Stausee

Blick vom Rundweg aus auf den Hohenwarte-Stausee


6. Tagesetappe, 07. Juli 2016:
Hohenwarte-Stausee zur Talsperre Zeulenroda (ca. 45 km)

Die vorletzte Etappe steht an und das beste daran: Das Schlimmste liegt hinter mir. Es geht zurück ins Flachland des ostthüringer Landes. In der vergangenen Nacht hat sich mein Körper prächtig erholt und ich bin überrascht, wie fit und motiviert ich an diesem Morgen bin. Ich habe mir heute auch einmal erlaubt, etwas auszuschlafen und hab meinen Tag erst um 09.00 Uhr begonnen. Ich sag nur eines: Positive Selbstbestätigung und Wertschätzung! – Nach der erfrischenden Dusche, einem Pott Kaffee und leckeren Käse-Honig-Brötchen bin ich wieder gestärkt und mache mich los, begleitet von einem prächtigen Sonnenaufgang an diesem schönen Tag. Das Wetter scheint nun auf meiner Seite zu sein und bescherrt mich eines Traumklimas.

Waldfahrt

Die letzten Waldradwege werden durchquert

Anfangs fahre ich noch durch kleinere Waldstückchen und merke, wie die Höhenunterschiede, die ich zu bewältigen habe, allmählich wieder geringer werden. Das „Marathon-Treten“ weicht langsam wieder einem „Dahingleiten“ durch die schöne Natur und lässt mir wieder genug Atem für ein wenig Gespräche mit mir selbst. Ich sehe, wie die Wälder sich langsam wieder zurück ziehen, die Felder sich wieder vermehrt die Landschaft zurück erobern. Hin und wieder blicke ich zurück zum Thüringer Wald, der von weitem gar nicht mehr so anspruchsvoll aussieht wie er eigentlich ist, wenn man ihn gerade durchreist.

Langsam komme ich wieder zu Hause an. Ich durchkreutze die ersten Ortschaften die mir aus meinen Tagestouren bekannt sind. Knau, Plothen, Auma lasse ich hinter mir und komme schon nach gut 4 Stunden an der Zeulenroda-Talsperre bei Zabelsdorf an. Ich könnte nun auch direkt wieder zurück nach Hause touren, aber eine Nacht will ich noch campieren, auch wenn die Sehnsucht nach meiner Couch schon erheblich groß ist. Aber so wirklich lösen kann und will ich mich von dieser Natürlichkeit eben auch noch nicht. So entscheide ich mich, mein Zelt noch einmal aufzuschlagen und den restlichen Nachmittag und Abend an der Talsperre zu verbringen.

Talsperre Zeulenroda-Triebes

Blick auf die Talsperre Zeulenroda-Triebes


7. Tagesetappe, 08. Juli 2016:
Talsperre Zeulenroda nach Gera (ca. 30 km)

Guten Morgen, Thüringen. Auf zur letzten Etappe dieser Radreise. Heute ist es ein wirkliches Heimspiel sozusagen. Die letzten 30 km liegen noch vor mir und ich merke körperlich, wie ich doch ziemlich fertig bin nach den letzten Tagen inmitten von Wind und Wetter, Berg hoch, Berg ab. Auch wenn gleich, ich noch weiter, weiter und weiter fahren würde. Ich brauche wohl erst einmal wieder eine kleine Auszeit und Entspannung… – vielleicht mit ein paar kleineren Touren zwischendurch.  Aber erst einmal heißt es wieder ein letztes Mal die Sachen zusammen packen, „Mounty“ bestücken und die letzten Meter abradeln. Ich bin sehr gelassen und voller Vorfreude auf mein trautes Heim, auch wenn ich mich in den letzten Tagen so sehr in diese großen Kleinigkeiten inmitten der Wunder von Thüringen verschossen habe und noch lange nicht damit fertig bin. Schon in Gedanken an kommende Tourplanungen radel ich in Richtung Weida und Wünschendorf. Stoße dann wieder auf meinen Hausweg, dem Elsterradweg und bewege mich, fast schon schwerelos und vor allem voller Stolz zurück zum Ausgangspunkt nach Gera.

Am Wegesrand

I am back in home.


Thüringen Tour Karte
Gesamtlänge der Route: ca. 440 km
Höhenmeter: ca. 5380 m
Meine Radwandertour durch Thüringen (01.07. – 08.07.2016) von Gera über Jena, Weimar, Erfurt, Stausee Hohenfelden, Arnstadt, Oberhof, Lütsche Stausee, Bad Salzungen, Wasungen, Meiningen, nach Schleusingen, Bergsee Ratscher, Hohenwarte (Hohenwarte Stausee), Talsperre Zeulenroda-Triebes, Weida und zurück nach Gera über Wünschendorf. – Die komplette Tour zum runterladen in folgenden Formaten via runtastic.com:

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