Monate: Februar 2015

Vom Warten und Dazwischen.

Mein Magen schmerzt. Zuviel Kaffee, zu wenig echte Aufregung. Da muss künstlicher Ersatz her. Das Herz bemüht sich um Schwung, nimmt Anlauf, bebt schneller. Aber mein Magen, der beschwert sich. Zuviel Koffein, er schmerzt vor sich hin und ringt mit dem bebenden pochenden Herzen um die Wette, buhlend um meine Aufmerksamkeit. Diese richtet sich auf die Tasse vor mir. Leer. Ich stehe auf, um mir einen neuen Kaffee zu machen. Aufputschen, ein bisschen legale Stimmungsheber konsumieren. Soviel, solange bis der Magen vom Herz geschlagen ist. Poch-poch-poch. Mein Blick fällt aus dem Fenster. Krokusse im Schnee, Farbtupfer auf Weiß. Der Schnee zieht sich bald schon zurück, macht Platz für Neues. Atmen, frische Luft, Gerüche – und, die Zugvögel, längst alle wieder da, bebend von der Kühle, trotzdem tirilierend. Sie sitzen auf noch kahlen Bäumen, schauen zu mir herunter. Ihre Melodien klingen wie Hoffnung. Und nach Sehnsucht. Sehnsucht. Sehnsucht nach dem Erwachen. Wie das Aufwachen nach dem nächtlichem Schlaf. Erwachen ist das schönere Bild.Aufwachen kann ich jeden Morgen. Zu erwachen hat etwas von Erwecken; den Hauch von …

Memoria / Oblivio

„Und manchmal schlafen einen die Erinnerungen ein. Man droht sie zu vergessen, in den eigenen Zielsetzungen, in den Herausforderungen des Alltags, in Ansprüchen, die man denkt, gerecht werden zu müssen. Und dann findet man sich wieder, ganz urplötzlich, in einem Zustand des Erstaunens. Sich selbst dabei erwischend, Vergessenes neu zu erfahren. Und augenblicklich tritt die Gewissheit aus dem Nebel heraus, offenbart ein Bild mit klaren Konturen und lässt mich begreifen, warum es manchmal gut ist zu vergessen. Denn es gibt nichts sinnbringenderes aus den eigenen Erfahrungen heraus, als die Erinnerungen an diese immer wieder neu zu entdecken und sich seines Lebensweges bewusst zu werden. Zu spüren, wie sehr Vergessenheit und Erinnerung einander brauchen.“ by Sascha Gawrilow

Eine Frage der Lebendigkeit.

„Kannst du dich daran erinnern, wann du das letzte mal vor Schönheit geweint hast? Geweint, weil das, was du gesehen, gehört oder gefühlt hast einfach unerträglich wunderbar war? Wann hast du das letzte Mal die Musik ausgestellt, die von früh bis spät auf dich niederprasselt und einfach dem Wind zugehört? Dem Wind oder vielleicht auch dem Wasser. Dem Prasseln des Regens auf der Fensterscheibe, dem Tosen eines Baches, irgendwo in der Natur und ganz weit weg von jeglicher Zivilisation. Wann bist du das letzte mal einfach stehen geblieben und hast den Moment genossen? Wann hast du zuletzt in den Himmel geschaut? Warst du in letzter Zeit lebendig genug, um dir dieses Umstandes bewusst zu werden und dafür dankbar zu sein? Hast du überhaupt jemals an der Straße gestanden, oder am Bahnsteig, und die herumhetzenden Menschen belächelt, die verlernt haben, im Hier und Jetzt zu bleiben und es zu genießen? Wann hast du das letzte Mal etwas unsinniges gemacht – ohne darüber nachzudenken, sondern einfach nur lauthals lachend? Wann war dir zuletzt egal wie vergänglich und …

Valentine in me.

 Fotos: Sascha Gawrilow Vor ein paar Tagen ertappte ich mich, wie ich gedankenverloren aus dem Fenster starrte, „Ich liebe Dich“ sagte, ohne an irgendwas und irgendwen zu denken. Dies musste es sein: Lieben zu können, weiter zu leben, immer weiter zu suchen, mit allen Hoffnungen. Ganz einfach das zu wollen, was es noch nicht gibt, hinter der Vergänglichkeit dieser Zeit.

Avis.

Wenn Traurigkeit nur ein Vogel wäre, wie leicht fiele uns das Hoffen, wüssten wir den Himmel als Nest, in dem wir nach dem Abheben landen um anzukommen. Ohne die Angst sich zu verlieren, wie die verlaufenden Spuren im Sand vor dem kühlen Nass, ohne die Angst von den Wellen im Sturm ergriffen und irgendwo einfach angespült zu werden.

Mehr als nur Erinnerungen.

Es gibt Orte auf dieser Erde, nicht einmal weit weg von unserem derzeitigen Standpunkt, an denen bekommt man das Gefühl, man befände sich am Ende oder gar auf einer ganz anderen Welt. Direkt um die Ecke, nur ein paar Kilometer entfernt. Talspeere Kriebstein, Mittweida, Thüringen Foto: © 2014 Sascha Gawrilow Man merkt dort nicht im Augenblick, sondern erst sehr viel später, welche neuen Kräfte diese Orte in einem ausgelöst haben. Genauso gibt es „Stimmen“ an diesen Orten, diese hörst Du nicht in diesem Moment, sondern erst irgendwann, irgendwo auf deinem Weg durchs Leben. Und irgendwann kommst Du einmal zur Ruhe, findest Stille in Dir selbst, fernab der Schreie und der Hast um Dich herum und in Dir drinnen. Denkst vielleicht über dein Leben nach. Und dann, ganz unverhofft, flüstert sie Dir zu. Dann kannst Du sie auf einmal hören. Diese Stimme, im Irgendwann von damals. Nicht in deinem Ohr, sondern direkt in deinem Herzen. Sie ist Dir vertraut, aus einem Moment, der Dir wichtig war, aus einem Moment in dem Du für diese nicht erreichbar …

Guttatim.

„Gib deinen Tropfen Farbe. Die Mischung macht sie besonders. Dein Leben erwartet einiges an Einzigartigkeit.“ Das Leben ist wie ein Wasserfall aus Lebensjahren. Einzelne Tropfen fallen in die Schlucht der Zeit. Unaufhaltsam fallen sie in die Tiefe und verschwinden im Nebel. Viele Lebensjahre bespickt mit großen Erinnerungen und fulminanten Geschehnissen stürzen also nun den Abhang hinab in die Schlucht, und keiner tut etwas dagegen? – Das kann einfach nicht wahr sein, wie eine Lüge. Es grenzt an ein Wunder, dass Du mit diesem Naturschauspiel der fallenden Tropfen nicht alleine dastehst. Im Gegenteil, ein jedes menschliches Leben besteht doch aus fallenden Tropfen. Die Schwerkraft wird sicherlich nichts dagegen tun, um dieses Gesetz zu kippen. Und genau diese Sicherheit ist doch wunderbar. Wir wissen, was jedes Jahr am gleichen Tag passiert. Und zwar verabschiedet sich ein weiterer Tropfen Richtung Abhang. Das Einzige wofür du sorgen musst, dass du diesen Tropfen über das gesamte Jahr hinweg mit tollen Dingen nährst. Mit Dingen, die dicht und fest mit deinem Herzen verwurzelt sind. Mit Dingen, die du nicht missen kannst. …

Phantasmagorien.

I.  E I N S A M E   S T E P P E  . Goldgetünchte Sprenkel, im Schneckenschritt auf meinem Körper. Am Ginsterstrauch trocknet die Wäsche und die Muskeln zieren sich noch. Ganz oben kreist ein Stammesadler, der Trommelschlag diktiert den Takt. Die Luft steht still wie Totempfähle, Vanilleduft flaniert vorbei. Ich streck die Arme in die Sonne und hüpf auf einem Bein zum Bach. Tatendrang brennt schon im Feuer, nur einen Schattenwurf entfernt. Zieh alte Pfeile aus der Brust und lauf auf braunen Stoppelfeldern wach in Richtung Gipfelkreuz. Mit Lasso aus der Westentasche fang ich ein Pferd und reite weiter – immer dort, wohin es zieht. Vertrautes Schnaufen, warme Glieder, Hufe fräsen Herzkonturen in den staubbedeckten Grund. Der Weg ist weit, will auch nur spielen, Kornblumen blühen an seinem Rand. Herbstlaub füllt die Friedenspfeife, ich pfeif auf Kriegsbeil, Streitaxt, Hund. Liegen alle längst begraben, ein Weidenreif markiert den Platz. Schieß mir den roten Federschmuck und lach dem Nachtwind ins Gesicht. Aus Hölzern bau ich mir ein Zelt und mal mit purpurfarbenen Beeren große …