Monate: Oktober 2014

Wie das Leben so spielt.

Meine Hände begannen zu zittern, meine Knie wollten versagen und mich zu Boden sacken lassen. Für einen kurzen Moment wollte ich alles aufgeben und es nicht wahr haben, was gerade um mich herum passiert. Wollte davon rennen, als hätte ich eine Wahl der Wahrheit zu entrinnen, als könne ich davor weglaufen. Liebend gern hätte ich mich wie früher als kleines Kind hinter jemanden gestellt, der mich schützen könne, der mir das ersparte, was man heute bittere Wahrheit nennt. Liebend gern, wäre ich noch ein Kind, als das Schlimmste für mich ein Fall vom Fahrrad war. Als meine Eltern die größten Helden waren und mit einem Pflaster alles wieder in Ordnung brachten. Doch je älter man wird, umso mehr sieht man, dass es schlimmeres gibt, als dieser kleine Fall. Man merkt, dass es Dinge gibt, die sich nicht einfach mit einem Pflaster kurieren lassen. Vor diesen Dingen versucht man vergebens zu entkommen, denn obwohl du es leugnen willst, weißt du, dass sie passieren werden. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl jemanden gehen lassen zu müssen, jemanden nicht …

Sprachlos.

Die schnelle Welt drängt uns oftmals dazu die tiefere Bedeutung eines Augenblicks zu vergessen. Und wenn es die Zeit einmal zulässt, zu verweilen, drängt sich plötzlich ein “Müssen” zwischen den Moment und die Ruhe. Und gerade uns Menschen ist doch die Gabe gegeben mit dem Herzen sehen zu können, auf die Stimme unserer Seele zu hören und die Schönheit in der Langsamkeit zu entdecken. Und doch finden wir selten Halt am Ufer dieser Kostbarkeiten. Treiben immer wieder hinaus in den Strom des hektischen Rennens, stetigen Strebens und immer wieder dem Hinterfragen, nach der Richtigkeit unseres Handeln und Tuns. Aber genau dieser Kontrast ist die Zutat, die für die Wirkung ganz tief in unserem Innersten relevant ist, um einmal, vielleicht nur für ein paar Stunden, auszusteigen. Zu verzichten an der Teilnahme in diesem Chaossystem, um mit einem hellen erfreuten Blick dahinter zu schauen, hinter jene Stadtgrenzen, die diese unzähligen grauen Alltagsmaskeraden einmauern. Um diese Zeit zu finden, die sich in Freiheit hüllt. In dieser Art von Freiheit aufzugehen, in der Lebensfreude blühen kann – farbenprächtig tief …

Differenzen.

Geradlinige Differenzen schieben sich durch die Bilder hinter meinem Atem und verschwimmen zu einem Klang der Weite. Einen Klang ohne Anfang, ohne Ende. Spalten und Lücken bilden sich zu ineinander greifenden Zwischenräumen, polarisierend rufen sie nach klaren Worten, um mit ihnen gefüllt zu werden. Monochrome Momente drängen danach mit farbenprächtigen Lichtern zu verschmelzen. Kluften, Gräben, Spalten. Alles schreit nach Brücken. Brücken zwischen dem “könnte” und dem “ist”. Meine Hand greift nach oben, weit hinein in das Firmament, durch welches bedächtig, ganz ankerlos, nur vom Wind gelenkt, die Leichtigkeit ihre Bahnen zieht. So atme ich noch einmal tief ein und lasse mich hinein fallen, in diesen Klang der Weite in meinem Ohr, und schwimme hinüber zum UIfer und beginne dort meine Brücken zu bauen. Denn es “Könnte” sein, dass es schon “ist”, jenseits jeglicher Differenz.

Kreise.

Manchmal drehe ich mich in einem immer kleiner werdenden Kreis. Manchmal verspüre ich so viel Kraft sämtliche Mauern durchbrechen zu können. Manchmal bin ich davon überzeugt die Welt würde nach meinen Regeln funktionieren. Manchmal fühle ich mich leer und bin doch grenzenlos erfüllt. Manchmal schaue ich zu meinen Füßen und mir werden diese banalen irdischen Gewichtigkeiten völlig egal. In diesen Augenblicken wird mir bewusst, dass ich mich einzig und allein in meiner Welt bewege. – Leider nur manchmal.

Gold.

Uns geht’s gut, denn wir leben. Seht nur diesen goldenen Oktober! Die Luft ist still, als atmete man kaum. Die Wortakrobaten und Schriftsteller verlassen für einen Augenblick der Muße ihren Schreibtisch, treten vors Haus, atmen tief, blinzeln in die milde Sonne und verlieren sich in Melodien von Klangwelten. Welche Farben sich entfalten. Alles fusioniert zu einem Tag! Alles wird eins und findet zusammen in einem Gebilde. Denn das Leben ist gut und immer neu.

Das alles.

Wir wollen leben, mit unserem ganzen Körper, unserer ganzen Seele, unserem ganzen Herzen und merken meist nicht, dass wir es schon längst tun. Jeder Blick quellt vor Leben fast über. Jeder noch so kleine Seitenblick ist ein Beweis für das Leben. Selbst der Hasserfüllteste, der uns mit seiner Macht zu Boden drückt. Alle geschrienen Wörter, die die Luft mit Messern zerschneiden und auch die geflüsterten, die der Wind sanft zu uns trägt. Die Wörter, die schwer von ihrer Bedeutung, man sich kaum auszusprechen wagt. Wörter, die man ohne Bedenken aneinander reiht und die doch dem anderen so viel bedeuten können. Und die Unausgesprochenen, die manchmal tiefe Schluchten zwischen uns aufreißen und genauso eine Brücke bauen können, über die wir den anderen erreichen können. Unsere Gesten, die, die von Herzen kommen, die, die von tiefstem Hass gelenkt werden, die, die vor Trauer so zerbrechlich sind, dass sie des Öfteren in tausend Stücke zerspringen. Und auch die, die wir nicht bewusst ausführen, wo doch so viel Leben an ihnen hängt. Die Träume, die wir in unseren Herzen …

Herbstwind.

Gebannt stehe ich hier, im Licht dieses Oktobermorgens. Weit zurück in der Ferne höre ich noch das Echo von Freuden menschlicher Liebe. Ich lächle, schließe meine Augen, fühle ganz nah eine geheimnisvolle warme Sehnsucht und versuche mich vom Abschied loszulösen. Ganz allmählich spüre ich, wie das Tempo des Sommers Tag für Tag geruhsamer wird und mich die Ruhe des Herbstes immer mehr mit seinen kalten Winden umhüllt. Winde die meine Anker lösen. Winde die mich weiter treiben lassen. Winde die Geschichten aus kommenden Zeiten, weit hinter dem Herbst, erzählen. Winde die mich frösteln lassen und gleichzeitig mein Herz erwärmen. Ich breite meine Arme aus und fliege frei von allen Erwartungen durch die tanzende Farbenpracht der herbstlichen Bäume.